Betrachtungen eines Parkinsonisten
“I realized that almost all my ideas on the nature of Parkinsonism, of
activity, of existence, and of time itself, would have to be completely revised
. . .”
Oliver Sacks in Awakenings
Zeit ist der Freund von rechtschaffenen Menschen
Pindar
31.12.99/10.45
Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Zur Feier des Tages kehre ich den Satz um: Es
ist noch sehr viel Zeit. Ich habe alle Zeit der Welt. Ich muß sie mir nur
nehmen. Es liegt an mir.
Zeit ist etwas Schönes, Wertvolles.
precious.
Stelle mir einen meditierenden Buddha vor oder die Gelassenheit eines
Indianers, der hózóh hat (sich im Gleichgewicht befindet).
Die Hektik im ausgehenden Jahrtausend zurücklassen.
Und alles, was dazu gehört: das Gehetztsein, die Eile, das Getriebenwerden,
das Gefühl, nie genügend Zeit zu haben. Für die Dinge. Für die Menschen. Die
Unzufriedenheit, die daraus
resultiert.
Der Gedanke, daß es anders werden könnte, anders sein wird, macht mich
glücklich. time is on my side, yes it is. Schöner Satz. Sich mit der Zeit
anfreunden.
Der countdown läuft. Der Jahrtausendwechsel schneller gekommen,
als erwartet. Merkwürdige Beschleunigung gegen Ende. Plötzlich ist er da, und
die Optionen werden immer geringer. Wie im Leben generell. Plötzlich geht es zu
Ende, und der Tod steht vor der Tür.
Stillstand der Zeit.
Die Zeitungen voll von Endzeit-Themen. Die Katastrophe bleibt aus.
1.1.2000/18.50
Nous sont arrivé dans l'anée 2000. Jetzt kommen die Mühen der Ebene.
Wieso Mühen? Habe ich die Zeit nicht zur Chefsache erklärt, zur angenehmen!
Die Zeit - mein ureigenstes Metier.
Statt guter Vorsätze, zehn gute Fragen formulieren. Werde sie im Kontext
der Zeitproblematik stellen.
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Der subjektive Zeitbegriff, besser: Zeitgefühl. Wichtiger als
irgendein mathematisch-physikalisch-astronomisches Zeitgerüst. Subjektive
Relativitätstheorie.
Die Zeit ist mir davongelaufen.
Der Tag wollte kein Ende nehmen.
Wichtig: die Stimmigkeit des eigenen Zeitgefühls, der eigene Rhythmus, das
eigentliche, natürliche Tempo.
Den Dingen ihre, meine Gewichtigkeit beigeben.
Auf keinen Fall mehr Zeit vergeuden.
The importance of being ...
Schluß mit dem Gejammere: "Eigentlich wollte ich Maler werden", „Eigentlich
wollte ich aufhören zu rauchen".
Klug mit der Zeit umgehen. Ein Gefühl für diese Klugheit entwickeln, so
daß sie nicht etwas Aufgesetztes, Fremdes bleibt, sondern etwas, was zu mir
gehört, etwas Normales, Selbstverständliches.
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Brauche zur Verrichtung der alltäglichen Dinge doppelt so viel Zeit wie
früher. Also muß ich 200 Jahre alt werden.
Uns Parkinsonisten sind die Zeitzügel aus der Hand geglitten.
Die eigene Langsamkeit anerkennen. Die Langsamkeit an und für sich. Den
eigenen Weg finden. Den eigenen Gegebenheiten gemäß vorwärtskommen.
Der Optimismus einer Schnecke.
Das Gefühl, wenn auf der Autobahn alle andern an dir
vorbeiflitzen.
Dasselbe Gefühl auf der literarischen Autobahn.
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit.
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Auf der Weihnachtsfeier begrüßt mich der Kollege A. mit den Worten: Er freue
sich, mich zu sehen. Ich strahle immer große Ruhe aus.
Ich war erstaunt, denn ich fühle mich im Gegenteil wie ein Hektiker, wie
einer, der nie „Zeit hat", einer, dem die 24 Stunden des Tages nicht genügen,
der sich immer mehr vornimmt, als er unter den gegebenen Bedingungen schaffen
kann.
Wie kann ich diese äußere Ruhe auf mein Inneres übertragen? Diese Frage für
mich persönlich wichtig, ja essentiell, vielleicht sogar die Uberlebensfrage.
Es ist dieselbe Frage, die der Physiker Kafka vom Max-Planck-Institut in
München gestellt hat: Wenn die Einwohner des Planeten Erde überleben
wollen, dann müssen sie „die Zeit aufhalten", die ungeheure Beschleunigung
(in die Katastrophe)
verlangsamen. (Kafka weist auf die Lächerlichkeit der Zuwachsraten im
Kapitalismus hin. Bei einer steten Rate von 3% verdoppelt sich der gesamte
Output - an Klodeckeln, Weihnachtskugeln usw. in 35 Jahren).
Wie kann der öffentlichen Hetzjagd Einhalt geboten werden?
Ins Rad der Zeit greifen.
Mit gutem Beispiel vorangehen. Charisma.
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Prüfen, ob das moderne time management für mich sinnvoll ist.
Kreativ mit der Zeit umgehen.
Bereiche auflisten, wo Veränderungen denkbar sind. Prioritätenliste
erstellen.
Tagesablauf disziplinieren. Langfristige Ziele. Mittelfristige.
Kurzfristige.
Wer frißt hier wen oder was? Das Auffressen der Zeit. Im freundschaftlichen
Sinne: das Verbrauchen von Zeit.
Vieles wird sich weisen, wenn meine innere Uhr richtig geht.
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Schüttellähmung: Das Hin-und-Her des inneren Pendels. Oszillieren. Zittern.
Unentschiedenheit des Körpers. Flattern der Zeit. Diskrepanz zwischen zu schnell
und zu langsam. Die Gleichzeitigkeit von Bewegung und Stillstand. Leben mit
angezogener Handbremse.
In den letzten Tagen wieder auf die chinesische Heilkunst Qi Gong gestoßen.
Birgt die Möglichkeit zur Beruhigung und Harmonisierung in sich. Und zur
Heilung. Tägliches Üben, Meditieren, Entspannen wiederaufnehmen.
Fließen der Energie, des Lebensstromes, gleich Zeit.
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Taktisches und strategisches Fahren beim Radrennen. Das Tempo angeben.
Einzelfahrer, Ausreißer, Mannnschaftsfahren. Der Gedanke, daß ein Team Einzelnen
zu Glanzleistungen verhelfen kann.
Ähnliches bei Langstreckenläufern.
Das Gefühl beim Anfahren eines Hochgeschwindigkeitszuges.
ABS. Automatisches Bremssystem. Parkinson – das automatische Bremssystem des
Körpers.
Wie fühlt sich der Hase, wenn er merkt, daß der Igel immer schon vor ihm
angekommen ist?
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Kinder haben unendlich viel Zeit. Eigentlich spielt die Zeit bei Kindern
keine Rolle. Bis die Erwachsenen ihnen ihren Fahrplan überstülpen.
Schlaf. Stillstand der Zeit. Kleiner Tod. Die Angst von Kindern vor dem
Schlaf.
Dornröschens Schlaf währte 100 Jahre.
Das Altern. Gehört zur Kategorie langfristig. Langfristige Planung und das
Genießen der Gegenwart: kein Widerspruch. Genauso wenig das Prinzip der
(kreativen) Pause. Urlaub. timeout. Boxenstop.
„Zeitvergeuden" kann „Zeitsparen" bedeuten. Ohne Reproduktion keine
Produktion.
Seit ich weniger Zeit habe, habe ich mehr Zeit. Durch Konzentration auf das
Wesentliche.
Das Jammern über das Altern ist counter-productive. Altsein,
Erfahrensein, Weisesein ist etwas Schönes. Jeder Altersstufe gemäß leben. Das
Zeitgefühl verändert sich mit dem Altern. Das ist ein natürlicher Vorgang.
Alte Menschen haben „mehr Zeit", auch wenn ihnen auch nicht mehr „viel Zeit
bleibt". Aber indem sie „mehr Zeit haben", bleibt ihnen auch „mehr Zeit“.
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Hase und Igel: Hase verhöhnt Igel ob seiner Langsamkeit, bis der sich
dem Wettkampf stellt. Igel läßt Hasen sich abhetzen, bis er tot zusammenbricht.
Igel gewinnt durch Lug und Trug und mit Hilfe seiner Frau. Um einer Flasche
Schnaps und ein paar Golddukaten willen.
Früher meine Lieblingsgeschichte. Lob der Langsamkeit.
Stelle mit Entsetzen fest, daß es gar nicht um Schnelligkeit und Langsamkeit
geht, sondern um Hohn und Neid, um List und Tücke, um Hochnäsigkeit und
Rache.
Dann doch lieber Aesops Fabel vom Hasen und der Schildkröte. Aber auch hier
gewinnt Letztere nur durch Fleiß und Ausdauer und ob des Hochmuts ihres
Widersachers.
Schluß mit dem Konkurrenzdenken! Schluß mit der Fremdbestimmung! Besinnung
auf das Eigentliche.
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Das berauschende Bewußtsein, das eigene Zeitgefühl beeinflussen zu können.
Ohne Speed. Arsen.
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Mein Freund Giovanni und ich hatten einen deal: ich gebe ihm
Deutschunterricht, er mir Gesangsstunden. Es kam nie dazu: „Keine Zeit“. Die
Zeit verging. Wir zogen die Zeitbremse. Von da an hieß es:. „Ich habe Zeit“. Die
Freude. Der Stolz beim Aussprechen dieses Satzes. Das Gefühl, Schöpfer von Zeit
zu sein.
Gott schuf die Welt in sieben Tagen.
Erzähler sind kleine Götter im Umgang mit der Zeit. Allmächtige Erzähler.
Jahrhunderte in ein paar Stunden zu durchfliegen: no problem.
Die Freude darüber, den Umgang mit der Zeit beeinflussen, das Leben verändern
zu können. Und so bin ich überzeugt, daß ich über den Umweg der Zeitkrankheit
Parkinson, durch Verlangsamung zur Harmonisierung meines Lebens vordringen kann.
Das wäre der Prozeß der Selbstheilung.
Nicht mehr und nicht weniger steht auf der Agenda. Für mich. Für die
Gesellschaft.
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sitting on the dock of the bay, wasting time . . .