
Sprachmeer - Illustration von Rainer Hofmann-Battiston
kein manifest
an manchen tagen zerbröseln
die worte beim schreiben
wie sand in der
hand am strand
übrig bleiben laute fetzen phrasen
mit sinn und
ohne
kein in sich geschlossenes ganzes
sondern wie die küste offen
zerklüftet
rissig, hie
gefährlich, rauh, unwegsam
fremd, dort
einladende buchten, sonnig
sandig warm
die muttersprache
vertraut und fremd zugleich
ich schlafe, wohne in
ihr
ich muss sie doch wie ferne inseln
stets neu entdecken
flucht in
die fremdsprache, die
erlernt sein will, metasprache bleibt
und nie gefahr
läuft zur gewohnheit
zu werden. nie sprichst du sie gedankenlos
fremd also
beide: außenansicht
und doch ähneln sie einander
wie geschwister
chomskys versuch, die tiefenstruktur
der sprache bloßzulegen. die
literatur
als kollektiver ort, wo solche erschaffen
wird. grammatik ist
grammatik der normalität
des status quo
schlimm, wenn einer so schreibt,
als sei sprachlich
alles in ordnung.
jedes
wort umstülpen wie einen handschuh
hinterfragen nach sinn unsinn
hintersinn
die konvention abklopfen wie alten mörtel
gebrauch archaischer
volkstümlicher worte
die unschuld der worte ist längst dahin
muss gesagt
werden dass alles schon einmal
gesagt. bitte tu nicht so als
seist du der
erste
mangelnde distanz allerorten. je
größer die gewöhnung desto größer
die
notwendigkeit des fremd-machens. lob des
zweifelns
schreiben als selbstverständigung
über worte, die gefahr, worte
zu
missbrauchen als bausteine für sinn
ihr eigenes recht entdecken
nicht mehr schreiben wollen, verstummen
schweigen – als radikalkur
die sprache wie die küste
abkämmen, darinnen schlendern
die seltsamsten
und schönsten gebilde
findend. vorsicht an den cliffs
in der sprache
schwelgen, sich in ihr tummeln,
ausruhen verlieren, sie befruchten
und
vermehren. sie bestimmt die
richtung: ein wort gibt das andere
über
das sprachmeer schauen
sich entführen lassen, verführen
bis weit über den
horizont
hinaus
spaß an dialekten
die kindliche freude beim meischtern eines
neuen.
diebische freude. das verächtliche
lächeln über einen, der nur einen,
nur
ein winziges stückchen küste kennt
diese lächerliche beschränktheit,
oder
ist es der neid der heimatlosen
leute die immer das richtige
sagen. kunst der politiker. denen
ist
literatur ein dorn im auge
sich daran gewöhnen. auch die gewöhnung
ist
verdächtig. wortlos draußen
stehen in der kälte. frieren und die
sehnsucht
nach mutterwärme der sprache
opposition schreiben
und doch geliebt werden
wollen
das weder-noch endlich anerkennen
der verdruss über das unvermögen
zu sprechen, die langsamkeit der
worte
das immer-wieder-von-vorne-anfangen
wie die wellen am strand
wie
sisyphos
die worte stets von neuem hinauftragen
müssen
schweigen
unschuldig aufwachen
im bett der sprache
das
meer, den strand mit neuen augen sehen
der neid auf die schnell und
vielschreiber. die raser auf der
literarischen
autobahn, was sehen sie von der welt. sie
werden bewundert
und sind als erste da
wo
die frustration, erst nach jahren
den
richtigen ausdruck zu finden
untertauchen im sprachmeer
ewiges anstürmen des meeres
gegen das
schweigen
was ist hier sprache, was schweigen
meer oder
landsandstrand
Dieser Text ist erschienen in:
Schweigen. Eine literarische
Anthologie.
herausgegeben von Wigand Lange, Elmar Podlech und
Horst Senger.
Frankfurt, Brandes & Apsel Verlag, 1996, S.
23-26