Wenn Düsenjäger die Mittelgebirgssilhouette hautnah überfliegen, dann
beabsichtigen sie, unentdeckt unter dem Radarnetz des Gegners
hindurchzuschlüpfen, den Feind zu unterlaufen. Das Manöver ist mit großem Risiko
verbunden, manchen Piloten kostet es da Leben.
Auch ich, Tom Däumling,
geborener Tom Thumb, bin Tiefflieger, un-terlaufe den Feind, unterlaufe das
Leben und bleibe für gewöhnlich unentdeckt. Mitunter entgehe ich der Geschichte
ganz, bin aber im Prinzip anwesend, auch wenn man lange nichts von mir hört.
Un-längst haben mich die unsäglichen Grimm-Feiern wieder auf den Plan gebracht.
Sind militärische Tiefflieger den Gesetzen der Logistik und der modernen
Kriegsführung unterworden, so sind Ursprung und Sinn meiner Tiefflüge einzig und
allein in meiner Person zu suchen. Bin Tiefflieger von Geburt an, Tiefflieger
aus Not auch. Nun stelle man sich nicht vor, dass ich mit Düsengeschwindigkeit
über die Erdoberfläche jage, nein im Gegenteil, ganz langsam, im Zeitlupentempo,
den Igel im Wappen mitführend. Sancho Pansa war im Langsam-Laufen groß.
Die Größe meines Körpers schreibt mir gewisse Umgangsformen vor, denen ich mich
von klein an zu unterwerden hatte. Von klein an..., diese Floskel, mit der
berühmte Männer ihre Memoiren beginnen. Für mich fängt jeder Tag von klein an an
und daran wird sich auch nichts ändern. Damit muß ich mich abfinden, damit muß
ich leben, jeder Tag ein leben, in 365 Welten um den Tag. Worte wie
heranwachsen, Erwachse-sein sind mir von Grund auf fremd und immer schon aus
tiefster Seele verhasst. War immer schon er-wachsen und werde es nie sein. Ein
Weiteres unter-scheidet meine Fortbewegungsart von Düsenjägern. Diese bringen
dem Feind überraschend Zerstörung und Tod und entziehen sich in Blitzesschnelle.
Ich bleibe gerade wegen meines Schneckentempos unentdeckt, unzeitgemäß, und
entgehe auf diese Weise Zerstörung und Tod. Wenn andere sich beim Angriff
auf die Erde, unter den Tisch werfen oder in den Keller rasen, bleibe ich
gelassen stehen.
Ich habe dieses unterwürfige Verhalten nicht nötig, bleibe
wo und der ich bin. Angriffe gehen über mich hinweg. Ich denke übrigens, dass im
Falles eines Atomkriegs der sogenannte Erstschlag oder Zweitschlag oder
Fünftschlag, wie auch immer, ein Schlag ins Wasser sein wird,
die atomare Welle wird über mich hinweggehen.
Viel schwerwiegender ist für
mich die Vorstellung, wie es dann weitergehen wird. Mit dem Tieffliegen ist es
dann wohl erst einmal vorbei. Ein möglicher Zeitvertreib, bis zur Ankunft
besserer Zeiten, wäre dann die Tätigkeit als Diplombiliothekar der
einge-bunkerten Kulturgüter bei Freiburg im Schwarzwald. Eigentlich möchte ich
eine dergeartete Laufbahn nicht einschlagen, trotz der materiellen Sicherheit,
die sie bietet. Außerdem verliert mein Schwarzwald mehr und mehr an
Attraktivität, je mehr Bäume er lassen muß. Er wird bald nur nach Schwarz
heißen. Ich brauche die Wälder als Unterschlupf, von Berufs wegen
sozusagen.
Äußerlich ähnelt meine Lebensweise der von Tieffliegern,
vielleicht sogar bis ins Detail, mein eigentliches Wesen aber ist militärischer
Aggression diametral entgegengesetzt. Ich führe keine Bomben oder Raketen an
Bord, wiewohl ich schon in der Lage bin, Schüsse abzufeuern. Ich verabscheue
allein den Gedanken an die physische Vernichtung anderer, meine Feinde
eingeschlossen, und wie viel mehr noch den tatsächlichen Akt. Nein, von Natur
aus bin ich harmlos und gutmütig, kann keiner Fliege etwas zu Leide tun. Und in
meiner Kindheit gar (beinahe wäre mir das verfluchte „als ich klein war...“ über
die Lippen gerutscht) galt ich bei denen, die mich kannten oder zu kennen
glaubten, nicht nur als harmlos und einfältig, sondern auch als – beschränkt.
Schuld an dieser fatalen Fehleinschätzung war nicht nur meine absonderliche
erscheinende Figur, die sich entgegen allen Erwartungen und Hoffnungen über die
Jahre hinweg nicht veränderte, vielmehr auch eine andere mutmaßliche Abnormität,
nämlich der Defekt meines lingualen Instrumentariums, der sich nach außen hin
als hundsgewöhnliche Sprachlosigkeit manifestierte. Das waren schlimme Zeiten
der Kindheit. Wie litt ich jedes Mal, wenn Erwachsene mich bemitleidend fragten:
„Na, weiß heißt du denn, Kleiner?“ und mir dabei ach so rücksichtsvoll Haar und
Wange tätschelten. Die Energien die normalerweise in eine Beantwortung der
Frage, die eigentlich ja keine war (ich vemeinte jedes Mal aus dem Tonfall des
Fragenden einen Hauch Sadismus herauszuhören), geflossen wären, sammelte ich
schon sehr früh, um sie später den Erwachsenen gebündelt in Form von Rache
zukommen zu lassen. Nachgeahmt hat mich hierin später jener bajuwarische
Volksdichter, der gleich zu Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller all jene
Rezensenten, die ihn in irgendeiner Weise herablassend behandelten, auf eine
schwarze Liste eintrug und ihnen später, auf der Höhe seines Ruhmes, ihr
Benehmen durch absolute Missachtung heimzahlte. Es ist übrigens diese
sado-arrogante Behandlung, die mir als Kind zuteil wurde und die ich – was noch
viel schlimmer war – auch in späteren Jahren erdulden musste – die wie ein
Stachel in meinem Fleisch stak; allein die Erinnerung an diese Zeit bringt heute
noch mein Blut zum Wallen. Dem unvoreingenommenen Betrachter allerdings blieben
diese Zusammenhänge verborgen; er konnte bestensfalls bei genauer Beobachtung zu
dem Schluß kommen: stille Wasser gründen tief. Da sich zu meiner Sprachlosigkeit
eine gewisse Ausdrucks-losigkeit des Gesichts paarte, tappte der Beobachter
einigermaßen im Dunkeln und kam über sprichwörtliche Gemeinplätze nicht hinaus.
So stauten sich in meinem kleinen Körper über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg
Energien, die mich später – für den Außenste-henden unverhofft und überraschend
– zu ganz erstaunlichen übermenschlichen Handlungen befähigten, die freilich hie
und da von bösartiger Grausamkeit und unkontrollierter Aggressivität gefärbt
waren. In vielen Fällen war ich selbst vom Ausbruch dieser in mir schlummernden
Kräfte überrascht, so dass mitunter gänzlich Unschuldige in den Genuß meiner
ursprünglich exakt motivierten Rache kamen. Von einem bestimmten Zeitpunkt an
kann aber nur noch von einer allgemeinen Erbsünde gesprochen werden, denn die
ursächlichen Zusammenhänge lagen zu weit zurück und waren dem Gedächtnis
allmählich entschwunden. Heute ist die Situation eine grundlegend andere, indem
ich gelernt habe, die immensen Regungen in meiner Brust dank eines
Frühwarnsystems wahrzunehmen, um dann zu entscheiden, ob ich sie in mir
schlummern oder in gelenkten Bahnen aus mir herauslassen soll.
Dass ich
heute, gottlob, die ungezügelten Ausbrüche zu meistern verstehe, habe ich einem
merkwürdigen Umstand zu verdanken. Mein Weg führte mich nämlich immer wieder –
zum Theater, das für mich einer therapeutischen Anstalt gleichkam. Nach allen
den Jahren der Sprachlosigkeit (die manche dümmlich mit Bedeutungslosigkeit
verwechselten) war hier eine Welt, in der Worte alles galten. Die Bühne als
jener Ort, der Sprache schenkt, der jahrelanges Schweigen wiedergutmacht, wo die
Fehden der Kindheit ihre verbale Gerechtigkeit erfahren. Wo Große klein und
Kleine groß, wo Hutzelmänner Könige und Herrscher Bauern spielen, wo Schwache
stark und Starke schwächlich sind. Wo alle über einen Kamm geschoren. Wo jeder
gut machen kann, was im Leben er verpatzt. Im Schein der Rampe nur kommt ins Lot
die Welt, scheinbar, für einen Augenblick, im Traum. Gestärkt, denkst du,
trittst ins Leben du zurück, mit Rat und Trost gewappnet für den nächsten
Sturm.
Wen wundert’s also, dass es mich, von Zeit zu Zeit, auf jene Bretter
zieht? Wo Tiefflieger sich in höchste Höhen schrauben darf, und sei es nur mit
Worten, mit einem einzigen „tee haa“ gar, das ich, Tom Thumb, im Namen führend,
dem Feind in reinem Königinnenenglisch entgegenschleudere.
Freilich ist die
Kunst, seinen Kontrahenten mit einem „tee haa“ zu erledigen, den Bühnen der
Angelsachsen vorbehalten, die Zunge des kontinentalen Schauspielers ist in
dieser Hinsicht viel zu plumb – um nicht zu sagen tumb – ein Wort übrigens, das
mit meinem Geburtsnamen nicht das Geringste zu tun hat. Zungenfaul wie der
Bühnendarsteller in germanischen Landen nun einmal ist, tauft er mich
mirnichtsdirnichts um in Tom Daum. Es versteht sich fast von selbst, dass unsere
Dichter sofort zum poetischen Aderlaß schreiten, um sich mit dem kindischen
Nonsens-Vers zu schmücken:
Das ist Tom Daum, der schüttelt die Pflaum. Ganz
perfide Alltags-schreiberlinge nennen mich gelegentlich auch Tom Dumm, wohl aber
nur, weil ihnen kein anderer Reim einfällt auf stumm:
In dubio pro poeta.
Ich spüre schon, wie – mit Recht – die Neugier des Lesers seit einiger Zeit
um die Frage nach meiner Herkunft kreist. Nichts wäre mir lieber, als dieses
Bedürfnis zu stillen, aber ich muß gestehen, ich kenn es nicht! Wie oft ist die
Frage schon aufgetaucht, im privaten Kreise, im Rundfunk und Fernsehen, in
wissenschaftlichen Seminaren und Kongressen der empirischen Volks-kundler, der
Soziologen, Politologen, vergleichender und nichtvergleichender
Literaturwissenschaftler, der Märchenforscher; aber auch die Kriminologen, sowie
die Geheimdienste aus Ost und West haben sich schon verzweifelt Gedanken darüber
gemacht, wes Vaters Kind ich eigentlich sei.
Dabei ist den wildesten
Spekulationen freier Lauf gelassen worden. Mit allem Nachdruck muß ich an dieser
Stelle noch einmal beteuern, dass ich mich selbst in einem Zustand absoluter
Ungewissheit über meine Herkunft befinde und dies trotz tiefschürfender
Nachforschungen und quälender Selbstzerfleischung in unzähligen
Selbsterfahrungssitzungen.
Wer aber glaubt mir die schlaflosen Nächte, die
unzähligen Tränen?
Gewöhnlich lasse ich mich auf dieses Thema nicht mehr ein,
schweige lieber und entziehe mich dem Radarauge des Lesers durch Tiefflug.
Da
nun aber unsere Zeit so nüchtern ist und jedes Zaubers entbehrt und weil sie die
alten Märchen und Sagen vergessen hat und keine neuen gebirt, so will ich hier
dennoch das Geheimnis meiner Herkunft ein wenig lüften und eine alte Ballade aus
unverdorbener Zeit mitteilen, die freilich manchem Leser als ein Produkt
heidnischer Hexerei erscheinen mag:
Sein Vater war ein Bauersmann
die Mutter molk die Küh
doch
einen Sohn gebar sie nicht
trotz aller Liebesmüh
Da ging der gute alte Mann
zum weisen Merlin hin
und
kündet ihm mit großem Schmerz
was seines Kommens Sinn
Ein Kind als Erbe seines Hofs
das sei sein ganzer
Traum
auch wenn das Kind nicht größer wär
als sein eigner Daum
Der Wunsch soll in Erfüllung gehen
so tat ihm Merlin
kund
und schenkt ihm einen winzgen Sohn
noch zur gleichen Stund
Ich gestehe, dass es mich reut, an diesen wunden Punkt gerührt zu haben. Denn
das Forschen nach meiner Herkunft war und ist ein schier vergebliches
Unterfangen und wird es vermutlich immer bleiben. Da helfen auch uralte
Ahnenbücher, vergilbte Balladen, Gedichte, Epen und Volkssagen nichts. Das
Verhältnis von Dichtung und Wahrheit wird, fürchte ich, ein Geheimnis bleiben.
Und wenn ich die Ballade dem Leser dennoch ans Herz lege, dann nicht etwas weil
hier mit viel Rührseligkeit der Tragik kinderloser Eltern Rechnung getragen und
ihrem – berechtigten – Kinderwunsche auf wundersame Weise ein happy end
beschieden wird, sondern weil – Ehre wem Ehre gebührt – von meinem alten Freund
Merlin erzählt wird, der nun freilich den Beinamen ‚der Väterliche’ verdient.
Mag er, der Allvermögende, mein Vater gewesen sein oder nicht, mein väterlicher
Freund war er allemal. Mich stört es wenig, dass er in gewissen Kreisen als
nebulöser Guru des Zwischenreiches und verfrühter Therapeut verschrieen ist. Nun
wird der Leser ihn in der Erzählung gänzlich vermissen, ihm sei aber versichert,
im entscheidenden Moment und mehr noch in der Gefahr, ward mir stets Merlins
weiser Rat zuteil.
Soviel kann ich sagen, das kleine Bauernsöhnchen der Ballade bin ich nicht,
auch wenn die Brüder Grimm dieser Version mit viel Phantasie ausgemalt und
unters Volks gebracht. Ich weiß, heute erfreun sich biedere Heinzel- und
Mainzelmännchen aller Art großer Bliebtheit. Dennoch bitte ich meine Leser
inständigst, Abschied zu nehmen von der Geschichte des zerbrechlichen
Bauernsöhnchens, der in die Puddingschüssel gefallen, wo er zu Tode gekommen
wäre, hätte ihn nicht ein Kesselflicker ausgeschüttet in ein Leben voll
wunderlicher Abenteuer, aus dem er zu guter Letzt als der verlorene Sohn an den
elterlichen Herd heimkehrt. Der bin ich nicht! Wäre sonst dieses furchtbare
Folterwerkzeug, die Daumenschraube nach mir benannt, und das Sprichwort geprägt,
er setzt seinem Feind den Daumen aufs Aug? Nein lieber Leser, klein bin ich zwar
von Gestalt, doch weiter habe ich nichts gemein mit der harmlosen Emsigkeit etwa
der sieben Zwerge in ihrer spießigen Idylle hinter den Bergen. Mögen sie sich
gegenseitig in ihrer braven Betriebsamkeit übertreffen; was geht es mich an? Es
mangelt ihnen, meine ich, an einer wesentlichen Eigenschaft, die – wenn sie
fehlt – den noch so arbeitsamen Kleinen zur Wirkungslosigkeit verurteilt – ich
meine den Mut zur Größe. Der aber (man vergebe mir den Vergleich) ist sozusagen
der Treibstoff des Tieffliegers. Um nichts in der Welt beneide ich jene biederen
erdgebundenen Zwerge, bin tausendmal lieber Tiefflieger, Querschießer auch,
Aufklärer, Senkrechtstarter mit Querkopf, Hochstapler zur Not.
Zurück