ÜberZwerge

Ü´-b-e-r-Z-w-e-r-g-e – Ü-b-e-r-z-w-e-r-g-e – nein,
Ü-b-e-r-Z-w-é-r-g-e! Vermaledeit! Das ist genau das Problem mit diesen Pimpfen. Immer mimen sie den Überzwerg. Je kleiner sie sind, desto höher wollen sie hinaus. Das nennt man größenwahnsinnig. Am liebsten kämen sie auf Stelzen dahergelaufen und gäben sich als Riesen aus -- Riesenzwerge also. Wo aber wäre dann der Unterschied zu Zwergriesen??? 

Und damit sind wir mitten drin in der Phänomenologie der Zwerge, deren Grundfrage lautet: Wer ist größer: ein Zwergriese oder ein Riesenzwerg?

Die Größe von Zwergen. Dabei dürfte es sich um eine contradictio in adjecto handeln. Hier zeigt sich, dass unsere Sprache dem Gegenstand  nicht angemessen ist. Von Größe kann bei Zwergen schlechterdings nicht die Rede sein, zumal, wenn es sich um einen Zwerg von der Statur eines Jeffrey Hudson handelt, der nicht mehr als 45 Zoll maß und auf einem Bankett Edward des Sechsten Ihrer Majestät; der Königin Elisabeth in einem Pudding dargereicht wurde.

Angemessen wäre allenfalls der Begriff der Kleinheit, es sei denn, wir meinen die ideelle Größe und könnten von einem Zwerg sagen: deine Kleinheit, deine Größe! Aber mit dem Begriff der Kleinheit laufen wir Gefahr, der Verniedlichung verdächtigt zu werden, etwas, was Zwerge überhaupt nicht mögen. 

Hinzukommt, dass sich Zwerge extrem voneinander unterscheiden, was ihre, sagen wir, vertikale Abmessung angeht. Und völlig erschwert wird die Situation noch dadurch, dass Zwerge ihre Größe verändern können. Wir haben uns das etwa so vorzustellen, dass sie ihre Beine ausfahren, oder sich vergrößern wie ein Luftballon, der aufgeblasen wird. Zwerge können ja bekanntlich ihr ganzes Wesen verändern, oder sich -- ähnlich dem amerikanischen Tarnkappenbomber -- mit Hilfe einer Tarnkappe unsichtbar machen.

Mindestens ebenso diffizil ist die Frage nach dem Alter von Zwergen. Zwerge können ein hohes Alter erreichen. Ich bin so alt wie der Westerwald. Mit diesem Spruch ist eigentlich alles gesagt.

Bleibt noch die Frage nach der Abstammung der Zwerge. Wo kommen sie eigentlich her? Wenn wir dem eminenten Märchenforscher Bruno Bettelheim glauben schenken dürfen, dann haben Zwerge keine Eltern, sie heiraten nicht und haben keine Kinder. Wie kommen Zwerge dann in die Welt? (Es wäre zu überlegen, ob eine Antwort überhaupt notwendig ist).               

Eine interessante Variante finden wir in einem Roman des schwedischen Schriftstellers Pär Lagerkvist mit dem vielversprechenden Titel: Der Zwerg.

Dieser Zwerg ist sowohl Hauptfigur des Romans als auch sein Erzähler. Als solcher dürfte er über das Wesen der Zwerge bestens informiert sein. Über ihre Herkunft sagt er:
Wir Zwerge haben keine Heimat, keine Eltern; damit unsere Rasse aber nicht ausstirbt, lassen wir es zu, dass wir von Fremden ausgetragen werden, irgendwo im Verborgenen, unter den armseligsten  und erbärmlichsten Umständen. Und wenn die fremden Eltern erst merken, daß sie ein Geschöpf aus unserer Sippschaft in die Welt gesetzt haben, dann verkaufen sie uns an mächtige Prinzen, damit wir für sie die Hofnarren spielen und  mit unseren missgebildeten Körpern zu ihrer Unterhaltung beitragen. Auch meine Mutter wandte sich angewidert von mir ab, als sie sah, was sie da geboren hatte, und verkaufte mich.

Pär Lagerkvists Zwerg ist ein erwachsener -- pardon! -- ein alter, reifer Zwerg, der Seite an Seite mit seinem Prinzen lebt, von dem er sagt:
Alle schauen zu ihm auf, keiner bemerkt mich!

Ein paar Zeilen weiter:
Ein Zwerg versteht die Welt stets besser als sein Herr.

Und:
Selbst der unwissende Pöbel weiß, daß der Zwerg des Herrn der eigentliche Herr ist.

Damit ist ein wesentliches Merkmal von Zwergen genannt: Ihre geistige  Überlegenheit.

 Lagerkvists Zwerg ist ein böser Zwerg, ja, der bösartige Zwerg schlechthin; die Inkarnation des Bösen. Und er ist bös-willig. Er duldet keine Zwerge neben sich, und schreckt nicht davor zurück, seinesgleichen in brutalster Weise umzubringen. Wen wundert’s da noch, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, wenn Zwerge mit Kindern gleichgesetzt werden:
Zwerge und Kinder haben nichts miteinander gemein. Die Leute denken, dass sie einander ähnlich sind und deshalb gut zueinander passen; nur, weil sie ungefähr gleich groß sind; aber das stimmt gar nicht. Zwerge werden dazu gezwungen, mit Kindern zu spielen, ohne dass man auch nur einen Gedanken darauf verschwendet, dass ein Zwerg das genaue Gegenteil eines Kindes ist und dass er alt geboren wird. Soviel ich weiß, spielen Zwergenkinder niemals -- warum auch? Die mit ihren zerfurchten, altklugen Gesichtern. Man tut den Zwergen Gewalt an, wenn man sie auf diese Art missbraucht. Aber die Menschen verstehen nun einmal nichts von Zwergen.

An dieser Stelle ist ein klärendes Wort zur Spezies Gartenzwerge angebracht, kurz und bündig: Gartenzwerge haben mit Zwergen nicht das Geringste gemein. Gartenzwerge sind keine Zwerge. Sie sind die absolute Verballhornung der Idee eines Zwerges.

Freilich sind nicht alle Zwerge von der malignen Art des Lagerkvist`schen Zwerges, dessen Boshaftigkeit keine Grenzen kennt. Der Durchschnittszwerg ist harmloser, im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Zwerg bei Pär Lagerkvist ist, wenn wir im Rahmen unserer Phänomenologie der Zwerge eine Typisierung aufstellen wollten, der eine Pol. Er ist der Repräsentant des garstigen Zwerges, der das Böse verkörpert und sich nicht scheut, es auch zu tun. Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen. Wir kennen ihn alle aus zahlreichen Märchen und Sagen. Ja, bei genauerem Hinsehen ist es sogar seine Funktion, das Böse zu verfechten im Kampf gegen das Gute. Ihm werden alle nur erdenklichen körperlichen und geistigen Missbildungen und Gebrechen angedichtet: Da ist der Bucklige, der Lahme, der Einäugige, der mit dem Wasserkopf, der Gehässige, der Eitle.

Am anderen Pol der Zwergenpalette stehen die guten Zwerge, die aufrichtigen, strebsamen, aber auch naiv-dümmlichen, die zumeist in Gruppen auftreten, wie die sieben Zwerge hinter den Bergen (vermutlich, weil das Gute so viel schwerer in dieser unserer Welt durchzusetzen ist als das Böse). Es sind die unzähligen Heinzelmännchen, Wichtel- und Wachtelmännlein, die sich des nachts im Geheimen hinter den Bergen, in Höhlen und Bergwerken  für die Menschen abrackern und Reichtümer für sie anhäufen. Es ist dies eine wunderbare Vorstellung, ein weitverbreitetes Wunschdenken, das nach folgendem Muster abläuft: Nachts, wenn der redliche Bürger schläft, arbeiten die emsigen Wichte für ihn und nehmen ihm so die Arbeit ab. Morgens, wenn er aufwacht, ist die Arbeit getan.

Eine tolle Idee! Fragt sich nur, warum der geniale Vordenker in Sachen Arbeit und Wertschöpfung -- Karl Marx -- nicht auf diese bemerkenswerte Art, Mehrwert zu schaffen, zu sprechen gekommen ist. Und wie bei den Kapitalisten, so gibt es auch unter den Zwergen riesige Unterschiede: angefangen bei Rumpelstilzchen, der über Nacht, im großen Stil, ganze Haufen von Gold kreiert, beziehungsweise kreieren lässt, bis hin zu den spießbürgerlichen Gartenzwergen -- ja, hier wollen wir sie ausnahmsweise gelten lassen, als Ausgeburt spießbürgerlichen Wunschdenkens --, die gerade mal die Blumen gießen oder sich anderweitig in Haus und Garten betätigen. Auch verrichtet man in diesen Kreisen seine Notdurft gerne in aller Öffentlichkeit.

Ja, wir könnten jetzt fortfahren in der Charakterisierung von Zwergengestalten -- ein schier endloses Thema. Dringlichere Fragen aber harren  der Beantwortung:
Können Zwerge fliegen? Können Zwerge zaubern? Können  Zwerge ihre Gestalt verändern? ...

(Auszug aus: Trans-Lit 1-2/2000)



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Letzte Aktualisierung am 03.08.2010