Jähes Erwachen am Golf von Antalya
(unveröffentlicht, Auszug)
Zum Milleniumswechsel im Hotel Antalya Renaissance an der türkischen
Riviera. Ominöser Name. Internationale Atmosphäre. Deutsche, Franzosen,
Holländer, Russen. Und viele Türken, die hierher gekommen sind, um das
Zuckerfest zu feiern. Alles, was man sich während der Fastenzeit Ramadan vom
Munde abgespart hat, wird nun, so scheint es, während des Bayramfestes doppelt
und dreifach nachgeholt. Das üppige Frühstücks- und Dinnerbuffet des *****Hotels
verführt ja auch dazu. Als Hauptgericht Heilig Abend Truthahn. Turkey
in Turkey, der am nächsten Tag als cold turkey Wiederauferstehung
feiert; dazu die öltriefenden türkischen Salate, wahlweise Zanderfilet oder
Kalbsmedaillons mit havana breeze – einer Creation aus Kohl --, und als
Krönung lockt die Dessertbar mit Sahnetörtchen, Cremeschnittchen, Soufflés,
Puddingleckereien und honiggetränktem Gebäck. Die überflüssigen Kalorien werden
in der Piano-Bar wieder abgetanzt (oder in Sauna, Fitnesscenter oder Schwimmbad
ausgeschwitzt bzw. abgearbeitet.) Zu später Stunde entertainment
pur: Bauchtanz, Minizirkus, Yogashow, Tanzvorführungen, Zauberei. Wem das immer
noch nicht reicht, der macht weiter in der Disco, bis in die frühen
Morgenstunden. Das lukullische Fest steigert sich – zur freudigen Überraschung
des pauschalreisenden Türkeinovizen – von Abend zu Abend, bis es mit dem
Gala-Dinner zu Sylvester im festlich dekorierten Ballsaal seinen Höhepunkt
erreicht: 6-Gänge-Menu mit vorzüglicher Unterhaltung, Bombenstimmung, wilde
Tanzerei, countdown und Feuerwerk –-; doch das fällt ins Wasser.
*****
Am Strand kauert ein Fischer. Lächelnd lädt er mich mit einer Handbewegung
ein, mich zu ihm zu setzen. Er reicht mir eine dicke Orange und ein
furchterregend langes Messer. Der alte Mann schaut schweigend aufs Meer hinaus.
Ab und zu steht er auf und wirft Brotstückchen aufs Wasser hinaus, soweit
er kann. Heute hat er noch keinen Fisch gefangen. Dann bedeutet er mir die
Landschaft: Kemer, Antalya, Lara, der Golf von Antalya mit der nicht enden
wollenden weißen Häuserzeile und dem majestätischen, schneebedeckten
Taurusgebirge im Hintergrund. Und plötzlich weist er mit dem Zeigefinger schräg
in den Himmel und sagt „Istanbul“. Wo ich die Stadt nie vermutet hätte. Wieder
dieses Gefühl unendlicher Weite, wie in Amerika, oder in Russland. Ich deute auf
einen großen und einen winzigen Stein: Türkei, Deutschland. Wir kritzeln
Einwohnerzahlen in den Sand, die Höhe der Berge. Meine erste Begegnung mit
türkischer Gastfreundschaft. Verflogen alle Gedanken an Polizei- und
Militärterror, an Folterungen und Gefängnisrebellion. Ich stehe auf und wünsche
dem Alten, dass er noch viele Fische fangen möge. Er lacht. Der alte Mann
und das Meer. Erst später fällt mir auf, dass der Hotelstrand Tag und Nacht
dezent bewacht wird.
Abends fängt es an zu regnen. Es hat hier sieben Monate nicht geregnet.
*****
It’s raining cats and dogs, sagt jemand. Es schüttet wie aus Kübeln.
Aus vereinzelten Schauern ist ein tropischer Dauerregen geworden. Unterbrochen
nur von Hagel. Der prasselt nur so auf das Glasdach der Piano-Bar. Man kann sein
eigenes Wort nicht verstehen. Dazu blitzt und donnert es in einem fort.
Dazwischen das Blitzlicht des Hotelfotographen. Die Hauskapelle spielt unbeirrt
weiter; die Ober servieren unbeirrt ihre exotischen Drinks weiter; es wird
unbeirrt weitergetanzt. Als ob das Hotelmanagement die Devise ausgegeben
hätte: The show must go on. Business as usual. Stimmung wie auf
der Titanic. Alle wissen, was los ist, alle tun so, als sei alles in bester
Ordnung. Ab und zu geht das Licht aus. Totale blackouts. Kurz darauf das Dröhnen
des hoteleigenen Generators. Der Park, der das Hotel umgibt, steht unter Wasser.
An vielen Stellen dringt Wasser durch Tür- und Fensterritzen. Bedienstete
versuchen, unauffällig der Feuchtigkeit Herr zu werden. Aber der
Feuerwehrschlauch, der mitten durch die Bar gelegt wird, spricht eine deutliche
Sprache. Drei Tage und zwei Nächte halten die Regengüsse an. Das Gewitter sitzt
über dem schmalen Küstenstreifen zwischen Taurusgebirge und Meer fest. Das
Hotel ist von der Umwelt abgeschnitten. Die Küstenstraße steht knietief unter
Wasser; der Verkehr ist zum Erliegen gekommen. Die Telefonverbindungen sind seit
Tagen unterbrochen. Abreisende Gäste werden per Traktor ins Trockene
gekarrt...