Mein Freund Parkinson. Eine Erfahrung

Blick zurück ohne Zorn

  ... Was hat das Jahr gebracht? Es war das Jahr der Gewöhnung an Parkinson. An seine Omnipräsenz. Der mir auf Schritt und Tritt folgt. Wohin ich auch gehe. Parkinson. Immer mit von der Partie. Keine Feier ohne Meyer. Jeder Versuch, ihn abzuschütteln, zum Scheitern verurteilt. Folgt mir wie mein eigener Schatten. Beschattet mich wie ein Privatdetektiv. Wer ist sein Auftraggeber? Und vor allem, was soll er herausfinden? Was habe ich verbrochen? Daß ich wieder einmal versucht habe, ihn loszuwerden? Dabei weiß ich ganz genau, daß es keinen Zweck hat. Er holt mich stets wieder ein. Und macht mich darauf aufmerksam, daß ich ein gentleman’s agreement mit ihm eingegangen bin. Ich versuche nicht, abzuhauen, und er läßt mich dafür weitgehend in Ruhe. Oft dackelt er ein paar Meter hinter mir her. „Sieh mal, da kommt wieder dieses seltsame Paar“, sagen die Leute, „der mit seinem komischen Begleiter“. Was mir nicht gefällt, ist, wenn Parkinson vorausgeht und in seiner polternder Manier die Leute auf uns aufmerksam macht. Ich rege mich jedes Mal darüber auf. Zittere dann besonders stark, schlurfe - wie aus Protest - mit dem rechten Fuß und gehe, aus Trotz, noch ein bißchen gebückter als sonst. Und ziehe so die Aufmerksamkeit der Leute erst recht auf uns.

     Alles in allem habe ich mich an Parkinson gewöhnt. Wie an einen langjährigen Freund. Einen, den man sich nicht ausgesucht hat, der aber mit zur Familie gehört. Den man gar nicht mehr missen möchte. Und dennoch: Unter uns gesagt, es gibt Situationen und Momente, da bilde ich mir ein: „Jetzt bist du ihn endlich los, diesen lästigen Gesellen!“ Doch jedes Mal kommt er wieder angetrottet und schaut mich mit einer Unschuldsmiene an, die mir zu verstehen geben soll: „Da bin ich wieder. Hätten uns beinahe aus den Augen verloren“. Dabei hat er mich genau im Auge behalten. Dieser scheinheilige Schlawiner. Ich bin sicher, der kann Gedanken lesen. Der weiß genau, was ich im Schilde führe. Auch wenn er außer Sichtweite ist. Im Großen und Ganzen aber kommen wir gut miteinander aus. Er läßt mich in Ruhe. Und ich folge seinen Regeln. Manchmal ist mir seine Präsenz so selbstverständlich, daß ich glatt vergesse, daß er da ist. Dann falle ich in alte Gewohnheiten zurück. Vergesse die Medikamente pünktlich einzunehmen, werde bewegungsfaul, ernähre mich falsch, trinke Kaffee, esse Süßigkeiten, probiere aus, ob mir der Tabak noch schmeckt, finde abends den Weg ins Bett nicht, trinke probehalber zwei, drei Gläschen Bier oder Wein, um zu sehen, ob ich Alkohol vielleicht wieder vertrage. Mit andern Worten: Ich schlage     über die Stränge – wie einst im Mai. Mittlerweile kennen wir uns so gut, daß wir vor Überraschungen gefeit sind. Jeder Gefängniswärter muß ständig damit rechnen, daß die Insassen sich mit Fluchtgedanken befassen. Und jeder Insasse weiß, daß die Wärter damit rechnen. Und so geht es darum, wer den andern am besten austricksen kann. Solche Gedanken sind mir eher fremd geworden. Doch manchmal überkommt es mich einfach. Da ist mir der ganze Kladderadatsch zuwider. Und ich will ihn einfach loswerden. Nicht weitersagen.

     Gelegentlich kommt die Hoffnung auf, daß ein Leben ohne Parkinson möglich ist. Besonders dann, wenn ich einmal für ein paar Stunden symptomfrei bin. Sofort macht sich die Vorstellung breit: „Ich bin geheilt. Es ist alles wieder wie früher“. Aber bis jetzt hat sich Parkinson jedes Mal wieder zur Stelle gemeldet. Und mir einen Denkzettel verpaßt. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es lebt sich besser mit der Hoffnung.

     An die regelmäßige Einnahme der Medikamente kann ich mich nur schlecht gewöhnen. Fünf mal am Tag. Um 8, 11, 14, 17 und 20 Uhr. Jeden Tag. Wo ich auch bin. Unter allen Umständen. Ich bin Freiberufler, und der Tagesablauf sieht jeden Tag anders aus. Möglich, daß ich um 17 Uhr gerade bei Glatteis im Auto unterwegs bin. Oder um 14 Uhr in einer Besprechung sitze. Oder um 20 Uhr mit einer Frau im Bett liege. Wer denkt da schon ans Pillennehmen? Trotzdem hat Professor S. Recht, wenn er auf meinen Einwand, ich sei ja schließlich kein Rentner, antwortete: „Dann werden Sie umso schneller zum Rentner“. Wahre Dialektik dies.

     Die Gewöhnung an Parkinson hat zwei Seiten. Einerseits     spare ich wertvolle Energien, wenn ich Parkinson grundsätzlich akzeptiere und nicht jeden Tag von Neuem einen Aufstand gegen ihn inszeniere. Auf der andern Seite besteht die Gefahr, daß Monate und Jahre ins Land gehen, und ich vergesse, am eigenen Selbstheilungsprozeß weiterzuarbeiten. „Wenn du es mit mir aufnehmen willst“, hatte Parkinson mich einmal gewarnt, „dann sei stets vor mir auf der Hut“. Und ein anderes Mal: „Du mußt dich an mich gewöhnen! Wehe dir, wenn du dich an mich gewöhnst!“

     Vor ein paar Tagen hatte ich eine ernste Auseinandersetzung mit Parkinson. Er beklagte sich darüber, daß unsere Freundschaft in letzter Zeit arg gelitten habe. Vor lauter kleinlichem Gezänk, sagte er, sei die Basis unserer Freundschaft in Vergessenheit geraten,. Ob ich mich denn nicht mehr an jenen Satz erinnern könne, den ich damals Freunden stolz anvertraut habe, wenn auch etwas zögerlich: Unsere Freundschaft sei das Beste, was mir je begegnet sei. Natürlich erinnere ich mich daran. So etwas vergißt man doch nicht. Mir selbst war dieser Satz damals nicht ganz geheuer. Ich empfinde ihn heute noch als Skandal. Wie kann Einer mit seinem Peiniger Freundschaft schließen? Schwer nachvollziehbar. Aber ich muß mir immer wieder ins Bewußtsein rufen: Dank Parkinson habe ich Verantwortung für mein Leben übernommen. Einen Schlußstrich unter mein bisheriges Leben gezogen, das in Krankheit zu enden drohte. Einen Schlußstrich unter meine Kindheit. Schluß mit alten Gewohnheiten gemacht, die mir den Weg verstellen: zum Glück. Zum Erfolg. Zur Gesundung. Ohne Parkinson hätte ich immer so weiter gemacht. Mich totgearbeitet, mich abgestrampelt wie ein Hampelmann, mich in unzählige Projekte verzettelt, meine Kräfte zerschlissen, nicht auf meinen Körper gehört und meine Gefühle mißachtet. Ohne Parkinson ist dieser Reifungsprozeß nur schwer vorstellbar. Er hat ihn angestoßen. Hat die Tür geöffnet zur Welt der Erwachsenen. Damit würde auch meine Auseinandersetzung mit dem infantilen Prinzip, den Zwergen allmählich ein Ende finden.

     Wie konnte ich das alles vergessen? Und mich stattdessen mit Parkinson über tausend Kleinigkeiten streiten? Ich versprach Besserung, wohl wissend, daß der Weg, der vor mir liegt, ein dornenreicher ist.

     Mit Ablauf des fünften Jahres p.P. ist mir klar geworden, daß ich mit Parkinson allein auf weiter Flur stehe. Es ist einsam um mich herum geworden. Die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, unterscheiden sich alle in einem Punkt: Die einen wollen mit Einem, der Parkinson hat, nichts zu tun haben. Sie haben jegliche Beziehung zu mir abgebrochen. Ich komme mir vor, als hätte ich die Krätze. So muß das im Mittelalter gewesen sein, bei Ausbruch der Pest. Dabei weiß doch jedes Kind, daß Parkinson nicht ansteckend ist. Aber das ist wohl nicht der wahre Grund. Die bloße Gegenwart eines unheilbar Kranken jagt ihnen solche Angst ein, daß sie Hals über Kopf die Flucht ergreifen. Zu dieser Gruppe gehört der Großteil meiner Familie. Mit Ausnahme meiner Mutter. Mit vierundachtzig ist sie selbst schwer erkrankt: Herzschrittmacher und bösartiges Karzenom hinter dem linken Auge. Kürzlich war Geburtstag. Ich wollte noch einmal Familie und Freunde um mich herum versammeln. Mein Eindruck war, daß die, die überhaupt kamen, sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staube machten. Sei’s drum. Ich kann sie nicht zwingen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als hätten sie sich gegen mich verschworen. Der Geburtstag war ein Albtraum. Dafür halten die Freunde, denen meine Krankheit nichts ausmacht, umso entschlossener zu mir. Es ist, als seien die Bande umso enger geschmiedet...

Der hier dargestellte Text ist die gekürzte Fassung des 12. Kapitels



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 Ballowski und die Zwerge

Ballowski schien der einzige Spieler auf seiner Seite zu sein, während die gegnerische Mannschaft aus elf Spielern bestand. Aber das war gar nicht so schlimm, wie es sich anhört. Ballowski war nicht umsonst in der vergangenen Saison zum Fussballer des Jahres gekürt worden. Genau genommen war Ballowski nicht Fussballer, er war Ballkünstler, er nahm es gewöhnlich ohne weiteres mit vier, fünf Gegnern auf. Hier aber stand ihm eine komplette Elf gegenüber. Ballowski nahm auch diese Ungleichgewichtung als Herausforderung an.

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Das Besondere ...

Die Delegiertenkonferenz der Parkinson-Vereinigung fand in der Tagungsstätte der evangelischen Kirche im hinteren Taunus statt. Ich kam abends bei Einbruch der Dunkelheit in der kleinen Ortschaft an. Der offizielle Teil des ersten Tages war bereits vorbei, ich traf den Landesvorsitzenden beim Aufräumen in der Gaststube. Er kam mir erregt vor, der Trubel des Tages hatte seine Spuren hinterlassen. Auf einmal hielt er inne und entschuldigte sich gleichsam bei mir: „Verzeihen Sie! Ich bin gleich wieder da.“

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Letzte Aktualisierung am 03.08.2010