Gefängnistagebuch
von
Nikolaus
Pietsch
aus dem Englischen
von
Wigand
Lange
Als zwei ich sah in ein Loch eingefroren
So daß des
einen Haupt des andern Hut war.
Und wie in’s Brot der Hungrige
hineinbeißt.
So packt der obre jenen mit den Zähnen.
Wo das
Gehirn dem Nacken sich verbindet.
Dante Alighieri
Göttliche Komödie, Inferno, Canto XXXII
Endlich hält der Lastwagen an. Man befiehlt uns abzusteigen. Vor uns liegt
die Donau -- breit, erhaben und majestätisch. Das gegenüberliegende Ufer ist mit
dichten Wäldern bewachsen. Hohe Bäume neigen sich über das Ufer. Trotz der
riesigen Wassermassen zwischen uns und den Bäumen scheinen sie ganz nah. Doch
schon bald werde ich von der Realität eingeholt. "Hai! Misca-te" -- "Los,
weiter!" Um uns herum stehen Wachen und Soldaten der Securitate, die mit
Maschinenpistolen bewaffnet sind. Weiter unten treibt eine breite, kurze
Schaluppe, eine sogenannte „bac" im Fluß, die an einem Ponton festgemacht hat.
Sie sieht aus wie eine geöffnete Konservenbüchse, deren metallener Rumpf in der
Sonne glänzt. Eine schmale, primitive Leiter führt hinunter aufs Deck. Einer
nach dem anderen steigen wir hinab. Und es kommen weitere Lastwagen, aus denen
noch mehr Gefangene steigen. Die Büchse "füllt sich mit Fleisch". Die Leute
stöhnen nach Trinkwasser. Da erscheint über uns die massige Gestalt des
Kommandanten. Es ist der Hauptmann mit dem schwarzen Schnurrbart, elegant
gekleidet, die Stiefel auf Hochglanz poliert. "Wasser," stöhnen Hunderte von
Gefangenen. "O sa ai cit sa te ineci banditule". -- "Ihr kriegt noch soviel
Wasser, daß Ihr darin ersauft, ihr Banditen," sagt er und spuckt auf uns
herunter. Ein Zivilist nimmt einen Kübel, bindet ihn an einem Seil fest und
taucht ihn in den Fluß. Dann läßt er den Kübel mit Wasser zu uns herab, wo er
von einem zum anderen weitergereicht wird. Endlich bin ich an der Reihe, aber
das Wasser löscht meinen Durst überhaupt nicht. Es kommt mir vor, als hätte ich
geschmolzenes Metall getrunken, so trüb ist es. Ein höllisches Zeug. Neben mir
verflucht ein großer Mann mit einem Schnurrbart und vorstehenden Zähnen unser
Schicksal. Er verliert die Nerven und bringt mich ganz aus der Fassung. Außerdem
stoßen wir uns andauernd gegenseitig mit den Knien an, denn wir müssen uns ja
irgendwie abstützen. Sie binden einen Schleppkahn vor unsere Schaluppe. Er nimmt
Fahrt auf und beginnt, uns ganz langsam stromaufwärts zu schleppen.
Die Fahrt scheint kein Ende nehmen zu wollen. Von den beiden Ufern bekommen
wir nicht viel zu sehen, da die Planken einen halben Meter über unsere Köpfe
reichen. Nach einiger Zeit scheint es, als ob wir den Hauptarm der Donau
verlassen und auf einem kleiner Nebenarm weiterfahren. Die Ufer rücken näher,
und wir können Baumwipfel sehen. Ich bin jedoch nicht mehr in der Lage, mich
über den Anblick des grünen Laubs zu freuen. Vom endlosen Stehen tun mir
sämtliche Knochen weh. Wir kommen so langsam voran, daß ich manchmal denke, wir
wären an einem Baumwipfel hängengeblieben. Rechts von uns taucht eine Reihe
kahler Berge auf, die Peceneaga-Berge. Dann bricht die Dämmerung herein, und
über uns leuchten die Sterne. Die einzigen Geräusche sind das Stöhnen der Männer
und das Rauschen der Wellen. Da ich die Sternbilder kenne, schließe ich aus
deren Position, daß wir in Richtung Süden unterwegs sind. Kurz vor Tagesanbruch
hält der Schleppkahn an. Wir müssen warten. Es wird kalt. Nach einigen Stunden
sind unsere Kleider völlig vom Tau durchnäßt. Am Ufer stehen die Soldaten
und die Wachen, die sich unterhalten. Die Sonne steigt immer höher, und ihre
Strahlen fallen auf den eiseren Kessel, in den wir eingepfercht sind. Langsam
kommt wieder Leben in unsere von Krämpfen und Schmerzen gepeinigten Glieder.
Geschlafen haben wir nicht.
Eine Leiter wird herabgelassen, und man heißt uns,
auszusteigen und ans Ufer zu kommen. Ich sehe mich um. Dieser Nebenarm des
Flusses ist breit, aber verlassen. Weder andere Schiffe noch irgendwelche Häuser
sind zu sehen. Nichts als Weiden weit und breit, nur im Osten sieht man einige
kahle Berge. Wir befinden uns auf einer Insel zwischen zwei Armen der Donau. Ein
dünner Aufpasser tritt auf mich zu und gibt mir eine Ohrfeige: "Ce te uiti,
bandit?" - "Was suchst du, du Bandit?"
Soldaten mit Maschinenpistolen treten aus dem
Schatten der Bäume hervor und bilden einen Kreis um uns. In einer Reihe
marschierend, setzen wir uns in Bewegung. Verdreckt, schweißgebadet und voller
Staub, stolpern wir mit unserem Gepäck über Wurzeln und Gräben, immer umringt
von den Männern mit den Maschinenpistolen. Der feine Sand auf dem Weg erschwert
das Laufen noch mehr. Die Wächter brechen lange Weidengerten ab und
umkreisen uns. "Hai misca te!" - "Los, weiter!" schreien sie unaufhörlich und
schlagen auf die Gefangenen ein, die am meisten stolpern. Die Schwächeren fallen
immer weiter zurück und beziehen die meisten Prügel. Wir klettern über einen
Deich. Das vor uns liegende Gelände ist mit Stacheldraht umzäunt. Wir wanken
durch ein Tor. Inmitten einer Wüste aus Staub und getrocknetem Schlamm sehe ich
niedrige, weißge-tünchte, stallähnliche Gebäude. Dies ist die dritte Etappe in
meinem Leben als Sträfling -- das Lager von Salcia.
Die ersten Tage
13. September
Wir sitzen mit unserem Gepäck im Staub auf der Erde. Vor mir verflucht ein
alter Bauer sein Schicksal. Der Ort ist ihm vertraut. Er erzählt, daß er vor
fünf Jahren schon einmal hiergewesen ist. Dann wurde er begnadigt und
freigelassen. Jetzt hat man ihn wieder verhaftet, und er muß den Rest seiner
Strafe absitzen. Seine Ortsbeschreibung unterscheidet sich drastisch von dem
Land, in dem die Tomaten blühen, von dem man uns in Galatz erzählt hat. Er
erklärt uns, wie das Lager angelegt ist: Vor uns liegt ein verfallener,
länglicher Stall, der mit Reet gedeckt ist -- die sogenannte Serperie, das
Schlangenhaus. Weiter hinten steht eine armselige, umzäunte Hütte, die Bäckerei.
In dem alten Häuschen dahinter befindet sich die Küche. Links davon schließt
sich ein kleines Gebäude mit nur wenigen Fenstern an. Es ist das Lagergefängnis,
das Gefängnis im Gefängnis. Hinter dem Schlangenhaus befindet sich eine Grube
mit rohen Balken und einem Reetdach darüber: die Latrine. Auf der rechten Seite
gibt es zwei große Ställe mit rotem Ziegeldach. Links vom Schlangenhaus befindet
sich die sogenannte "Krankenstation," ein reetgedeckter Stall. Das ganze Lager
ist doppelt mit Stacheldraht umgeben. Zwischen den beiden Zäunen ist ein
Sandstreifen, die sogenannte "Zone". Auf kleinen Holztafeln, die an den Zäunen
angebracht sind, steht die Warnung: "Kein Durchgang! Zuwiderhandelnde werden
ohne Warnung erschossen". In den Türmen aus Holz halten Soldaten Wache. Ab und
zu schlagen sie auf lange Eisenstangen. Jeder dritte Zaunpfahl ist mit einer
alten Öllampe ausgerüstet, ein Relikt aus der Zeit, als es im Lager noch keinen
Strom gab. Die Krankenstation, das Gefängnis im Gefängnis und die Bäckerei
sind zusätzlich mit Stacheldraht eingezäunt. In der Mitte zwischen den beiden
großen Ställen steht eine verrostete, verbogene Pumpe. Endlich bekommen wir
Wasser! Aber der eine Brunnen kann unmöglich genug Wasser für soviele Insassen
liefern. Wir fragen den Alten. Der lacht nur: "Hier im Lager gibt es überhaupt
kein Trinkwasser. Der Brunnen enthält nur Salzwasser. Das Wasser wird in Fässern
von der Donau hergekarrt". "Und wo können wir uns waschen?" Wenn Ihr euch lieber
das Gesicht wascht, anstatt zu trinken, dann könnt ihr eure Näpfe dazu
benutzen".
Mir bleibt keine Zeit, um über den Sinn seiner Worte
nachzudenken, da plötzlich ein untersetzter Offizier mittleren Alters vor uns
aufgetaucht ist. Er hat eine Hakennase, kleine Augen und schrägstehende
Augenbrauen. In seinen Händen hält er eine Peitsche. "Das ist er!" flüstert der
Alte. "Wer denn?" -- "Der Kommandant, Hauptmann Malanceanu". Der alte Sträfling
ist sichtlich bewegt vom Anblick dieser Gestalt. Der Hauptmann hält eine kurze
Ansprache:
"Man hat euch hierhergebracht, weil die Behörden euch die Chance geben wollen
zu beweisen, daß ihr doch noch zu was nütze seid. Man gibt euch die Möglichkeit,
durch Arbeit wieder zu besseren Menschen zu werden. Ihr bekommt zu essen. Gutes
Essen -- und viel. Ihr habt viele Vergünstigungen hier. Ihr bekommt frische
Luft, viel frische Luft. Ich habe euch schon gestern erwartet, deswegen habe ich
eine Mahlzeit für euch vorbereiten lassen. Kartoffeln mit gebratenem Schinken.
Das war für gestern. Heute gibt es Kohl. Was wollt ihr -- Schinken oder Kohl?"
"Beides," brüllen Hunderte von Gefangenen wie aus einer Kehle. "Dann gebt ihnen
von beidem," sagt Malanceanu und geht. -- Gütiger Himmel, gebratener Schinken!
Bei dem Gedanken werde ich fast ohnmächtig. Eine Gruppe von Sträflingen,
wohlgenährte Riesen mit weißen Mützen -- vermutlich sind das die Köche --,
bringen Fässer aus der Küche. Wir bekommen jeder einen Napf, und einer der Köche
teilt das Essen aus, zuerst die Kartoffeln mit dem gebratenen Schinken. Gierig
strecke ich ihm meinen Napf hin. Aber was ist das? Eine säuerliche Flüssigkeit,
auf der zwei braune Krümel schwimmen. Ich probiere die Brühe. Sie schmeckt
verbrannt und ranzig. Das ist der Schinken. Alle schlürfen die Suppe gierig
hinunter. Dann kommt der Kohl. Er schmeckt wie die erste Portion, nur noch
säuerlicher. Trotzdem essen wir auch das. Dann kommt der Nachschlag. Es entsteht
ein Gerangel, wer zuerst drankommt. Wenigstens haben wir jetzt etwas im Bauch.
Jeder bekommt ein Laken, ein strohgefülltes Kissen und eine schmutzige Decke,
die schon so abgenutzt ist, daß sie aussieht wie ein Spinnennetz. Sie schicken
uns in den großen Stall auf der linken Seite. Ich habe fürchterlichen Durst.
Bevor ich in den Stall gehe, mache ich mich an der alten Pumpe zu schaffen.
Egal, ob es Salzwasser ist oder nicht -- ich brauche Wasser. Verzweifelt rüttle
ich am Schwengel. Die Pumpe rasselt und rasselt, aber es kommt kein Wasser.
Inzwischen haben sich ein paar Gefangene um mich herum geschart, die alle den
gleichen Gedanken haben. Als der Wächter die Unruhe bemerkt, kommt er herüber
und schwingt seine Gerte. Nach einer Weile fließt eine gelbe Flüssigkeit in den
Kübel. Ich schaffe es gerade, ein paar Tropfen davon mit meinem Napf
aufzufangen, schon drängen mich die anderen weg. Ich flüchte in Richtung Stall,
während der Wächter auf die anderen, die noch am Brunnen stehen, einschlägt. Ich
probiere von der Flüssigkeit. Es ist nicht nur Salzwasser, es schmeckt obendrein
auch noch bitter.
14. September
Den Tag verbringen wir eingesperrt im Stall. Es gibt
ein Bett für zwei bis drei Personen. Der Kübel läuft über. Ein paar Freiwillige
tragen ihn hinaus. Wir bekommen ein Faß mit Donauwasser, das bei den Hunderten
von durstigen Kehlen schnell ausgetrunken ist. Das Schlimme daran ist, die
Flüssigkeit ist so trüb, es scheint nicht einmal Wasser zu sein. Es hat gar
keinen Zweck, davon zu trinken. Der Durst wird dadurch nicht gelöscht, und man
kriegt Blähungen davon.
Wie so oft stehe ich am Fenster und betrachte die
öde Landschaft. Bei Sonnenuntergang taucht ein alter, zivilrechtlich
Verurteilter in der Nähe des Zaunes auf. Er geht in einen Verschlag, aus dem ein
hoher Kamin ragt. Nach kurzer Zeit hören wir, wie ein Dieselaggregat angelassen
wird. Nach und nach fangen alle Glühbirnen auf den Pfosten des
Stacheldrahtzaunes an zu leuchten. In der hereinbrechenden Dämmerung kommen sie
uns vor wie die Augen fremdartiger Ungeheuer, die uns eingekreist haben und uns
belauern.
15. September
Noch immer kommen neue Kähne, aus denen jeweils
Hunderte von Gefangenen in den Lagerhof strömen. Ich stehe am Fenster und
versuche, sie zu zählen. Wir sind jetzt ungefähr zweitausend Leute. Die
Gefangenen aus der Kirche sind schon hier, aber es kommen immer noch neue
Transporte aus anderen Gefängnissen.
Hin und wieder erscheint ein Wächter mit einer Liste
und ruft die Namen einiger Gefangenen auf, die vom politischen Offizier verhört
werden sollen. Bei ihrer Rückkehr geben sie sich herablassend und sind allem
Anschein nach guter Dinge. Ich frage mich weshalb ...
16. September
Sie fordern uns auf, den Stall zu verlassen und
hinüber ins "Schlangenhaus" zu gehen. Von innen sieht es genauso schlimm aus wie
von außen. Der Lehmfußboden ist uneben, die Stützbalken aus Holz sind halb
vermodert, und das einzige Fenster im Raum ist kaputt.
Wir geben unsere Zivilkleidung ab und bekommen
Sträflings-klamotten, die wahrhaft jämmerlich aussehen. Keiner findet etwas, was
ihm wirklich paßt. Die Kleidungsstücke sind unterschiedlichster Herkunft. Ich
bekomme einen Mantel, in dessen Vorderseite Reste eines Militärmantels
eingesetzt worden sind. Die Ärmel sind aus dem gestreiften Stoff der
Sträflings-kleidung. Der Mantel ist viel zu eng und lächerlich lang, die Hose zu
kurz, die Jacke überall geflickt. Da an den Kleidungsstücken sämtliche Knöpfe
fehlen, muß ich sie mit rostigem Draht zusammenhalten. Ich frage nach einem Paar
Schuhe für mich, weil meine alten abgetragen sind. In der ein Quadratmeter
großen Zelle in Galatz bin ich sooft hin- und hergelaufen, daß die Absätze fast
ganz abgelaufen sind. Ich bekomme ein Paar Schuhe, die nicht nur klobig und
zerschlissen, sondern auch noch zu eng sind. Jeder Protest ist zwecklos. Der
Magazinverwalter, ein Mann namens "Bostan" -- was soviel wie "Kürbis" heißt --
schlägt jeden, der mit seinen Geschenken unzufrieden ist ...
(Auszug)