Sucht man nach einem allgemeinen Prinzip, das all den absonderlichen
physischen und psychischen Verhaltensweisen von Parkinson-Kranken zugrunde
liegt, so wird man auf einen individuell verzerrten Zeit- und Raumbegriff
stoßen. Früher oder später haben alle Parkinson-Betroffenen Schwierigkeiten mit
der Fortbewegung im Raum. Sie gehen zu schnell oder zu langsam oder kommen erst
gar nicht in Gang, ihre Schritte sind zu groß oder zu klein, sie kriegen die
Kurve nicht, stolpern, verlieren ihr Gleichgewicht und fallen hin.
Sie haben andere Maßstäbe (Geschwindigkeit, Zeit, Entfernung usw.) als
"gesunde" Menschen, aber diese Andersheit ist eine Täuschung, das heißt, sie
benutzen dieselben Maßeinheiten, aber das System aus Richtung, Entfernung,
Begrenzung, Geschwindigkeit stellt sich ihnen verzerrt dar, bzw. sie nehmen es
verkehrt auf, und diese Differenz zwischen "Normalität" und eigener Wahrnehmung
bringt Menschen mit Parkinson in Konflikt mit ihrer Umwelt und mit sich
selbst.
Der amerikanische Neurologe Oliver Sacks hat in seinem Essay "Raum und Zeit
von Parkinson-Kranken" (1) beschrieben, wie er sich die Therapie dieser Menschen
vorstellt, nämlich indem sie auf das nicht verzerrte Bezugssystem (entweder ihr
eigenes oder das anderer) rückgeführt werden. Das Vorführen konkreter,
sichtbarer Zeichen gibt dem »wankelmütigen« Parkinson-Patienten offenbar
»Halt«.Die Kunst ist dabei ein ganz wichtiges Medium, wohl deshalb, weil sie vom
Künstler auf der einen Seite große Disziplin verlangt (in der Musik etwa die
Partitur, die Noten, die Tonart, der Takt, das Tempo, die ja alle festgelegt
sind), die ihm andererseits große Freiheiten (z.B. der Interpretation) lässt,
das heißt, sie können in diesem Medium gleichzeitig ihre Kreativität
ausleben.
1) Der Essay befindet sich in: Oliver Sacks, Awakenings - Zeit des Erwachens,
Rowohlt Hamburg, 2002, S. 393 - 404