Wer ist Masaniello?

Sein plötzlicher vermeintlicher Wahnsinn macht stutzig. Nur eins ist sicher: Um diesen Tommaso Aniello, wie er eigentlich hieß, rankt sich ein Gewirr aus Fakten und Fiktionen. Masaniellos Leben klingt bizarr und extrem.
Die Liste alter und neuer Darstellungen des Aufstands von Neapel ist lang. Das Echo der Revolte, die erstmalig in einer Großstadt stattfand, hallte durch weite Teile Europas. Die Befreiungs- und nationalen Einigungsbewegungen, die bürgerlichen Revolutionen von Frankreich bis Polen, von Italien bis Dänemark sind auch, vor allem über die Wege der Kunst, von jenem Neapolitaner inspiriert.

Zahlreiche Dramen und Opern haben Masaniello zum Thema. Schon früh hat die Dichtung diesem revolutionären Helden großes Interesse und Sympathie entgegengebracht. Dem Germanisten mag Christian Weises Barockdrama „Masaniello“ von 1682 bekannt sein. Weitere Masaniello-Dramatiker sind J.F. Albrecht und der Däne B.S. Ingemann. Auch Gottlieb Ephraim Lessing trug sich mit dem Gedanken, ein Drama über Masaniello zu schreiben. An seinen Bruder Karl schrieb er: „Ich glaube zu erraten, was Dich für ihn eingenommen: die uneigennützige Entschlossenheit, zum Besten anderer sein Leben zu wagen; die großen Fähigkeiten, welche Umstände und Not in einem so rohen Menschen erwecken und sichtbar machen. Dieses ließ auch mich ihn als einen schicklichen tragischen Helden erkennen; aber was mich mehr als alles dieses hätte bewegen können, Hand an das Werk zu legen, war die unendliche Zerrüttung seines Verstandes. Ich glaubte sonach den Mann in ihm zu finden, an welchem sich der rasende Herkules modernisieren ließe . . .“

Auf der Musikbühne machte Masaniello 1706 in Hamburg mit Reinhard Keisers Oper „Masagniello Furioso“ Furore; in Frankreich kam er insbesondere durch zwei Opern zu Ehren: Michel Carafas „Masaniello oder der neapolitanische Fischer“ (1827) und Daniel Aubers „Die Stumme von Portici“ (1828). Letztere wurde 1830 zum zündenden Funken der Juli-Revolution in Brüssel: Die Besucher waren derart von der Aufführung hingerissen, daß sie anschließend in die Straßen der Stadt hinausstürzten und sich in den Befreiungskampf gegen die holländischen Besatzer einreihten. Von Adolphe Nourrit, dem berühmten Tenor der Pariser Oper, wird berichtet, er habe sich dermaßen in die Rolle des Masaniello hineingesteigert, daß er seine Stimme verlor und seine Karriere abbrechen mußte. Doch möglicherweise beginnt hier schon die Legende.

Erstaunlich ist, daß die Beschäftigung mit dem sagenhaften Aufrührer bisher nicht abgebrochen ist. Die Prosaautoren A. Glaser, O.E. Henel, Rolf Schneider, der Franzose Schiffano und vor allem natürlich Italiener und Neapolitaner haben sich in jüngerer Zeit mit dem außergewöhnlichen Stoff befaßt. Der neapolitanische Dramatiker Eduardo de Filippo verfaßte 1963 ein Masaniello-Drama; allein in den vergangenen Jahren sind in Italien drei neue Monographien über Tommaso Aniello erschienen und ältere neu aufgelegt worden. 1976 gab es auf dem Originalschauplatz der Revolte, der piazza mercato, eine Theater-aufführung unter der Regie von Roberto de Simone. Und die nuovo compagnia di canto populare hat dem Volkshelden ein Lied gewidmet.

„Vom Fischer zum Volkshelden“, in Süddeutsche Zeitung vom 20./21. Juli 1991.



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Portrait: Masaniello
von Mary Treherne

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Masaniello - Piazza Mercato

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Letzte Aktualisierung am 01.01.2003