Mallorca

Pauschaltourismus – Pauschalurteile

Alljährlich zieht es Millionen Deutsche nach Mallorca. Die Insel steht für Sonne, Licht, Stille, Natur. Wer einen schnellen Tapetenwechsel nötig hat und dem alltäglichen Trott entfliehen will, und sei’s nur für eine Woche, für den ist  Mallorca genau das Richtige. Nur zwei Stunden Flug. Freilich, der Name Mallorca weckt auch negative Assoziationen. Ballermann,  Massentourismus, Putzfraueninsel. Nie hätte ich gedacht, daß auch ich eines Tages zum Heer der Mallorcapilger gehören würde. Nun war ich schon zweimal da.

Vor zwei Jahren war Porto de Sóller mein Zufluchtsort, an der westlichen Steilküste in malerischer Bucht gelegen. Der mallorquinische Maler Juri Ramis  hat die Bucht in Öl auf Leinwand festgehalten: so, wie sie früher war, ohne Hotels, die Uferpromenade ohne Touristenrummel, Berge, Meer, Natur pur, nur ein Dutzend Häuser, die das linke Ufer säumen. Der Betrachter tippt auf 19. Jahrhundert. Tatsächlich ist das Bild 1929 entstanden. Vor siebzig Jahren noch ein unbebauter, unberührter Flecken Erde. Heute schwer nachzuvollziehen.  Das Bild trägt die Bezeichnung „Fragment“. Was fehlt ihm? Die Merkmale des modernen Massentourismus? Bestimmt nicht. Die Sache bleibt ein Rätsel.

Dieses Mal liegt mein Ziel zwanzig Kilometer weiter südlich: Valldemossa. Der spanische Busfahrer nimmt die schmale, kurvenreiche Küstenstraße in atemberaubendem Tempo. Die abenteuerliche Fahrt geht durch das herrlich gelegene Künstlerdorf Deia mit seinem Dutzend Cafés, sonst nichts, außer der einen oder anderen Galerie. Eine Schar Radrennfahrer wird hupend überholt und um ein Haar an die Felswand gequetscht. Die nächsten Nächte träume ich vom Sturz in die Tiefe und bin danach überraschend von meiner Höhenangst  kuriert.

Valldemossa: als Odenwälder fühle ich mich ans heimatliche Mossautal erinnert. Weit gefehlt. Val de Muza eigentlich, benannt nach jenem Muza, der als erster Marokkaner sich hier niederließ. Viele seiner Landsleute folgten nach. Das Städtchen liegt am Hang des  zerklüfteten Küstengebirges – ein verschlafener, abgelegener Ort, landeinwärts, eine winzige, serpentinenreiche Stichstraße führt waghalsig die Steilküste hinunter zum Meer, zum Port de Valldemossa.

Valldemossa besteht aus nicht mehr als ein paar Dutzend eng aneinanderliegenden Häusern aus Kalkgestein, um den markanten, von breiter Ballustrade umsäumten Turm von Sant Bartolomé gruppiert. Dazwischen enge, blumengeschmückte Gassen, ein paar Bäckereien, eine Apotheke, vier, fünf Bars, Cafés, die notwendigsten Geschäfte, nichts weiter Erwähnenswertes.

Höchstens, daß mir die Glocken von Sant Bartolomé bis heute ein Rätsel geblieben sind. Dreimal drei Schläge mit majestätischen Pausen nach jeweils drei Schlägen. Und das um acht, at high noon, und wieder um acht, abends. Neun Schläge also. Mag sein, daß die Uhren auf Mallorca  anders gehen.

Ach ja, da ist noch dieses Kloster, oben auf der Anhöhe, mit dem wunderbaren Blick das Tal hinunter. Die Kartause. Mönche, diese Spezialisten für abgeschiedene und stille Orte, und für spektakuläre Ausblicke. Auch in der Altstadt von Valldemossa herrscht Ruhe, abgesehen von dem gelegentlichen Jaulen eines Hundes, oder von dem Motorengeräusch eines Autos, das selbst vor den engen Gassen nicht Halt macht.

Soweit so gut. Fiele da nicht allmorgendlich  -- wie ein riesiger Schwarm Heuschrecken – die Schar der Touristen über das arme, unschuldige Städtchen her. Tagestourismus heißt diese Plage. Tagtäglich dasselbe Schauspiel: Auf dem Parkplatz oben an der Hauptstraße schüttet Bus für Bus seine Ladung aus. Sofort strömen ihre, im Einheitslook gekleideten Insassen haufenweise in die Stadt, denn viel Zeit gönnt man ihnen nicht. Und so beschränkt sich ihr Eroberungsfeldzug nur auf die unmittelbare Umgebung. Weiter wagt sich kaum einer vor. Auf diesem Territorium aber wird alles abgegrast: die Bars, Restaurants, Kioske, Geschenkboutiquen, Wechselstuben. Überall zucken, wie Artilleriefeuer, die Blitzlichter der Kameras auf. Die Einheimischen sind hoffnungslos in der Minderheit. Sie lassen diesen Ansturm stoisch über sich ergehen, denn sie fristen ihren Lebensunterhalt von den touristischen Massen. Sie begegnen dem Pauschaltourismus mit Gelassenheit, denn sie wissen, abends verschwinden die Invasoren genauso schnell wieder, wie sie morgens gekommen sind. Dann kehrt wieder Ruhe im Ort ein und Frieden. Voila!

Tangiert mich aber alles nicht, denn bis zum Altstadtkern um den neun-schlägigen Kirchturm dringt höchstens einmal ein einzelner Versprengter der ansonsten pauschal Reisenden vor, der im Grunde nichts lieber möchte, als aus diesem Labyrinth aus Gassen zurück zu seinem Rudel zu finden.

Tangiert mich aber doch, denn – aus irgendeinem Grunde – zieht mich das Phänomen Massentourismus an. Je mehr ich ihm zu entfliehen suche, desto stärker erliege ich seiner Faszination und bin versucht, es den Pauschalreisenden mit gleicher Münze heimzuzahlen: mit Pauschalurteilen. Gleiches mit Gleichem vergelten ...

Bereits in Porto de Sóller war ich in den Bann des Pauschaltourismus geraten (nach dem Motto: Wenn alle es tun, dann muß doch etwas dran sein). Faszinierend immer wieder von Neuem das Verhalten der Touristenherde. Ob Valldemossa, Sóller oder sonstwo.. Behavioristen hätten ihre wahre Freude.  Das Pattern ist immer dasselbe: Die Spezies tritt stets als Herde auf. Dort, wo sie auftaucht, wird alles niedergetrampelt. Schon von weitem kündigt sie sich durch einen hohen akustischen Pegel an. Es scheint, als hätten sie auf dem Trieb kein Futter und nichts zu Trinken bekommen; also fällt die Mehrheit über die ersten besten Cafés und Bars her. Der Rest schiebt sich durch die Läden, wo sie ihre Trophäen erstehen. In Valldemossa sind es vorwiegend Kleidungsstücke aus hellem Leinen, Schmuck, Schuhe  (das Touristenviertel hier ist, architektonisch gesehen, geflegter als andernorts). Das Rudel wird zumeist von einem Leithammel angeführt. Wo der hingeht, folgen alle andern nach. Als ich einmal Fotos in der Altstadt schoß, stellte ich fest, daß sich mir drei, vier Touristen zugesellt hatten und dasselbe Motiv aufnahmen. Ich ging hundert Meter weiter: dieselbe Prozedur. Hätten sie auch geknipst, wenn es gar nichts ? Vor meinem geistigen Auge taucht das Bild des Verhaltensforschers Konrad Lorenz auf, wie er mit flatternden Armen vor einer Herde jungen Federviehs herläuft, um es zum Fliegen zu animieren -- und die mit flatternden Flügeln munter hinter ihm her.

Aber das sind, wie gesagt, Pauschalurteile. Ein schöner Nebeneffekt des  Herdenverhaltens: Jenseits der Trampelpfade, oft nur zwei Minuten davon entfernt, herrscht himmlische Stille, und der Individualreisende kann die Sehenswürdigkeiten in aller Ruhe genießen.

Doch dieses alltägliche Schauspiel fände in Valldemossa gar nicht statt, wenn ... ja, wenn ... der Leser ahnt es ... wenn nicht Chopin, jawohl, wenn nicht Frédéric Chopin den Winter des Jahres 1838 in der Kartause von Valldemossa verbracht hätte. Ja, aber auch Chopins Besuch wäre wohl wieder der Vergessenheit anheimgefallen, hätte ihn nicht die berühmte Schriftstellerin George Sand begleitet und ein Buch über die Baleareninsel verfaßt: Ein Winter auf Mallorca, ein Buch, das an allen Ecken und Enden der Insel in allen Sprachen der Welt, als billiges Paperback oder als bibliophile Ausgabe, feilgeboten wird.

Und in der Tat. Die Besichtigung der von dem Künstlerpaar bewohnten Klosterzellen lohnt sich, Briefe, Manuskripte, Kompositionen sind ausgestellt, beim Eintritt ertönt im Hintergrund dezent Klaviermusik – von Chopin, versteht sich. Und im Anschluß gibt’s ein kurzes Live-Konzert mit Werken von Chopin, dem allerdings nur sieben Zuhörer beiwohnen. Der Pianist scheint es nicht anders gewohnt und nimmt’s gelassen hin.

Wer über Mallorca Pauschalurteile vom Stapel läßt, befindet sich in guter Gesellschaft. Die Touristin George Sand nämlich verurteilt die einheimische Bevölkerung in Bausch und Bogen. Der Mallorquiner, schreibt sie, „betrügt, prellt, lügt, beschimpft und plündert ohne auch nur die geringste Gewissensbisse ...

(Auszug)
___________________________________________________________________________

 Literatur: George Sand, Ein Winter auf Mallorca, hg. und aus dem Französischen übertragen von Ulrich C.A. Krebs. München: dtv, 13. Auflage 1998. – Wigand Lange, „Aus-wandern  nach Mallorca?“ In: Mallorca Magazin 30/98, S. 69.



Nach oben

 
 
Letzte Aktualisierung am 01.11.2010