NATUR & HEILEN 12/10

Leben mit Morbus Parkinson (2. Teil)

Erfahrungsbericht: Mein Freund Parkinson

Leseprobe:

Wigand Lange ist Schriftsteller, Übersetzer, Dramaturg und – Parkinsonist. So selbstbewusst und poetisch nennt er sich selber, denn er hat beschlossen, sich nicht von Parkinson unterkriegen zu lassen, sondern sich mit ihm anzufreunden. Obwohl ihm dieser Freund manchmal sehr auf die Nerven geht, hat er erfahren, dass er auch etwas Gutes in sein Leben gebracht hat. Seit etwa 15 Jahren begleitet Parkinson Wigand Lange durch das Leben, das er in verschiedenen Büchern auf unterhaltsame Weise beschrieben hat. Er gibt seinem Freund eine Stimme, spricht mit ihm und lässt ihn antworten. Diese Antworten haben den Parkinsonisten gelehrt, dass er sein Leben ändern muss, dass Hektik und Schlafmangel, Überanstrengung und das Tanzen auf vielen verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig ihm schaden. So ist Parkinson nicht nur als ein Freund, sondern auch als ein strenger Lehrmeister in sein Leben getreten.

Das bunte Völkchen der Parkinsonisten

Schaut man sich einmal in einer Selbsthilfegruppe für Parkinson oder in einer Reha-Klinik um, wird man feststellen, dass es eine kunterbunt zusammengewürfelte Gruppe ist. Selten, dass sich zwei der Betroffenen gleichen. Parkinson ist eine höchst individuelle Erkrankung; und zwar sowohl in Hinsicht auf die äußerlichen Erscheinungen als auch auf die Verlaufsformen, wobei die Mediziner generell zwischen einem bösartigen und einem weniger bösartigen Verlauf unterscheiden.

Parkinson ist also nicht gleich Parkinson. Das stereotype Bild des an der "Schüttellähmung" erkrankten Menschen, ein älterer im Rollstuhl sitzender, in seiner Mobilität stark oder total eingeschränkter Mensch mit gebeugter Haltung, ausdruckslosem Masken-Gesicht und zittrigen Händen, ist heute nicht mehr gültig. Unter den an Parkinson Leidenden befinden sich Menschen aller Altersgruppen, die in den verschiedensten Lebenssituationen und Berufsgruppen stehen. Allein in meinem Bekanntenkreis gibt es einen Bildhauer, eine Marathonläuferin, einen Boxer, einen Kunsthändler und Architekten, einen bayerischen Halbindianer, einen flotten Cabrio fahrenden Lehrer und eine Personalchefin von ehemals 600 Mitarbeitern…

Blitzschneller Wechsel von Normalität in den Langsamgang

Ich führe ein Doppelleben. Tagsüber geht es mir leidlich gut. Nachts werde ich von Bewegungslosigkeit geplagt. Es ist, als stürbe ich jeden Abend einen kleinen Tod. An guten Tagen düse ich auf meinem Sportrad durch das Voralpenland mit Karacho die Abfahrt von Wessobrunn in die Weilheimer Senke hinunter und dann die engen Kurven den steilen Berg hinauf in Richtung des Dorfes Forst. Meine Nachbarn sind verwirrt: Jetzt sehen sie mich auf dem Radl davonbrausen, kurz vorher haben sie noch beobachtet, wie ich mich mit dem Mülleimer zur Mülltonne hinter dem Hause quäle, mit krummem Rücken und in Rekordlangsamkeit, in Zeitlupentempo. An den Wechsel von Normalität in den Langsamgang, in die Blockade, dann wieder in die Überbeweglichkeit, stets unerwartet und blitzschnell – daran kann ich mich nur schwer gewöhnen.

Eine kleine Pumpe mit 20 Milligramm Apomorphin – das die Andockstellen im Gehirn für das Dopamin aktiviert – gestattet mir jeden Tag 15,32 Stunden, in denen ich mich frei bewegen und über die ich frei verfügen kann. Es ist wie eine Bewährungsprobe. In diesen Stunden muss ich all das bewerkstelligen, was notwendig ist, damit ich am nächsten Tag wieder fit für den „Freigang“ bin. Das ist eine Anstrengung sondergleichen…



 
 
Letzte Aktualisierung am 01.11.2010