Wie man Nichts übersetzt
Wer heute sein Dasein mit Übersetzen fristen will, muss Seiten schinden. Mit
Projekten wie dem „Essay über Nichts“ von Henry Fielding kommt er/sie auf keinen
grünen Zweig. Im Klartext: Vom Honorar für dieses schmale Bändchen lässt es sich
bestenfalls zwei, drei Tage leben. Beschäftigt aber hat mich der Essay alles in
allem mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate. Nicht ausschließlich, aber
immerhin.
Dankbarer ist da das Übertragen dicker Romane. Ist der Übersetzer erst einmal
in Fahrt, dann kommt er auf einen guten Schnitt. Ein guter Schnitt will aber
auch nicht viel heißen.
Aller Anfang ist schwer. Das gilt besonders fürs Übersetzen. Ein Autor mag
sein erstes Kapitel in wenigen Stunden hingerotzt haben, der Übersetzer kann
sich daran unter Umständen die Zähne ausbeißen. Es klingt banal, aber bevor
er/sie ans Werk geht, muss er/sie den zu übersetzenden Text nicht nur mehrmals
gelesen, sondern ihn auch verstanden haben, jedes Wort, jede Wendung, jeden
Satz, und vor allem: das Ganze. Um nur ein, zwei Beispiele zu geben:
Im Unterschied zum Deutschen hat Nichts im Englischen – needless to
say – kein Geschlecht. Es heißt da einfach nur nothing. Das deutsche
Pendant ist geschlechtlich determiniert. Wie wir alle wissen, muss es das Nichts
heißen. Wie muss also der Titel lauten: “Essay über das Nichts“ oder „Essay über
Nichts“? Eine Entscheidung von großer Tragweite. Um es gleich vorweg zu sagen:
Erst wenn der Übersetzer den Essay vollends verstanden hat, kann er/sie solche
Entscheidungen treffen. Das gilt gleichermaßen für das Beugen von Nichts – oder
muss es des Nichts heißen? Im englischen Original steht überall nothing.
Es steht einsam in der Gegend herum. Eine kleine Kostprobe.
I shall proceed to show, first, what Nothing is:
Secondly, I shall
disclose the various kinds of Nothing; and lastly, I
shall prove its
great dignity, and that it is the end of everything.
It is extremely hard to
define Nothing in positive terms, I shall therefore do
it in
negative.
Nothing then is not Something. (…)
Farther; as Nothing is not
Something, so every thing which is not
Something, is Nothing; and
wherever Something is not; Nothing is.
Bekanntlich kennt das Englische nur noch einige wenige Überbleibsel
expliziter Deklinationen, allen voran den sächsischen Genitiv. Der aber kommt,
wie wir eben gehört haben, für Nothing nicht in Betracht, er ist Personen
vorbehalten oder taucht höchstens einmal in einem lyrischen Kontext auf.
Nothing’s various qualities geht also nicht, es sei denn, es steht
in einem Poem. Stattdessen wird in der Mehrheit der Fälle die Umschreibung mit
of benutzt, also: the various qualities of Nothing.
Im Deutschen stehen für den Genitiv zwei grammatikalisch ebenbürtige
Möglichkeiten zur Verfügung. Die Beschaffenheit des Nichts oder die
Beschaffenheit von Nichts. Um eine Entscheidung treffen zu können, welche von
beiden die richtigere, die angemessenere, die besser klingende, d.h. die
stilistisch zu bevorzugende und schließlich die logischere ist, muss ich wissen,
wie unser Autor sein Nothing aufgefasst haben will. Als etwas
Definitives, als ein Etwas im materialistischen Sinn; folglich müsste es heißen:
Das Nichts und: „Ein Essay über das Nichts“, während der unbestimmte
Mengenbegriff einfach nur durch Nichts ausgedrückt wird.
Gerade um diese Entscheidung zwischen Nichts als Etwas und Nichts als Nichts
geht es ja in diesem Essay. Also: Erst wenn der Übersetzer die
philosophisch-logischen Ableitungen des Verfassers völlig verstanden hat, kann
er entscheiden, ob es heißen muss: das Nichts oder einfach nur Nichts.
Dasselbe gilt für alle anderen Kasus. Wie unkompliziert ist da das
Englische!
Eine Wendung wie the Nothing ist einfach nicht denkbar. Uns so kommt
es, dass das nackte Nothing im Englischen einerseits als ein durch keinen
bestimmten Artikel eingeschränkter grammatikalischer Begriff dasteht, semantisch
aber als ein definitives Etwas von seinem Autor verwendet wird. Die
grammatikalische Unbestimmtheit im Englischen erlaubt es dem Verfasser, alle
möglichen Zwischenstufen (Grautöne) des Nichts ins Feld zu führen, oder wie man
– mutatis mutandum – mit Chomsky sagen könnte, alle möglichen degrees
of nothingness: nothing per se, nothing at all, nothing in the whole
world.
Aber das sind Abschweifungen des Autors – eins seiner typischen
Verwirrspiele, auf die Leser wie Übersetzer erst einmal hereinfallen, die aber
auch im Deutschen nachgeahmt sein wollen, und so stehen im Deutschen beide
Varianten nebeneinander: Das fast schon personifizierte Nichts, sprich das „dem
Nichts“ oder die „Beschaffenheit des Nichts“ (wobei die Frage auftaucht, ob man
dem Nichts noch ein personifiziertes Apostroph beigeben soll: des Nichts'?) und
das unbestimmte Nichts wie in – denn man kann nichts hören, wobei das Deutsche
eine Doppeldeutigkeit aufweist, die das Englische Nothing nicht kennt:
Ich kann nichts hören. Nichts kann hier als Objekt und als Adverb verstanden
werden, was den Facettenreichtum des Essays noch erhöht.
Apropos Facettenreichtum: Hat irgendjemand schon einmal im Internet gesurft,
auf den Spuren des Nichts? Nein? Gut so! Da wäre er/sie auch ganz schön baden
gegangen. Ich war so leichtsinnig und sah mich mit einer Flut von 81342 Sites
konfrontiert. Man stelle sich diesen Dschungel von Nichtigkeiten vor! Und
selbstverständlich wurden mir auf Anhieb 266 Bücher zum Thema Nichts angeboten.
Wie kümmerlich nimmt sich unsere Phantasie aus, gegen das universale Netz,
dieses elektronische Spinnennetz, in dem wir uns immer wieder auf der Jagd nach
Nichts verstricken.
Verstricken, verfangen: Das gilt auch für den Übersetzer des „Essays über
Nichts“. Wie die Fliege sich im Spinnennetz verfängt, so verstrickt sich der
Übersetzer in den philosophisch-logischen Abwandlungen des Essays, in seiner
Rhetorik, in den zahllosen Wortspielen, den Untertreibungen und Übertreibungen.
Ist er ein getreuer Übersetzer deiner Werke, Henry, dann kann er nicht anders,
als dir – in den ersten Durchläufen – auf den Leim zu gehen, denn nur so kann er
deiner Definition des ‚Nichts’ auf die Schliche kommen.
Denn ein Übersetzer muss seinen Autor ernst nehmen, todernst. Wehe, wenn er
es nicht tut! Aber wehe, wenn er es bei dir tut, Henry! Selbst ich, als nicht
ganz unerfahrener Übersetzer deiner Werke (es ist dies immerhin der dritte Band
mit Texten aus deiner Feder), bin wieder auf dich hereingefallen, indem ich
versucht habe, den weitschweifigen Wirrungen und Irrungen deiner Logik und
Rhetorik zu folgen, deine intellektuelle Akrobatik (ohne Netz versteht sich)
nachzuvollziehen, ja nachzuahmen, nicht wissend, dass es sich um Scheinlogik
handelt, um Seifenblasenrhetorik, um brillante Spielgelfechterei des Meisters
der Ironie, der uns, seine ahnungslosen Leser, an der Nase herumführt, bis wir
schließlich kurz vor dem Aus stehen, will heißen, vor dem Nichts.
Doch irgendwann beginnt sich auch beim ahnungslosesten Leser der zunächst
zaghafte Verdacht zu regen, dass dies alles nicht ganz ernst gemeint sein kann.
Der Übersetzer wird zum Anfang zurückkehren, wird noch einmal jedes Wort, jede
Wendung, jeden Satz umkrempeln und unter die Lupe nehmen, den ganzen Essay noch
einmal von Anfang bis Ende, vorwärts und rückwärts durchforsten auf der Suche
nach der einen Wahrheit; und irgendwann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen:
Diese Lobrede auf das Nichts’, dieses klassisch geschulte Preislied des Nichts’,
mit all den gelehrten Hinweisen auf Vorgänger, die sich mit dem großen
Gegenstand des Nichts beschäftigt haben (der Earl of Rochester etwa, um nur den
wichtigsten zu nennen; und natürlich spielt Fielding auch auf sein großes
Vorbild Jonathan Swift und dessen „Tale of the Tub“ an), diese bombastische
Lobrede auf das Nichts ist gar keine Lobrede, sondern das genaue Gegenteil, sie
ist vielmehr Lächerlichmachung, Parodierung all derer, die Nichts im Kopf haben,
insbesondere des Adels und der modernen Schriftsteller. Der große Ironiker
Fielding meint exakt das Gegenteil von dem, was er sagt. Da ist höchste Vorsicht
für den Übersetzer geboten. Ein Spiel mit doppeltem Boden, literarische
Zirkuskunst ohne Netz. Die Schwierigkeit ist die: Es könnte ja sein, dass ein
bestimmtes Wort ausnahmsweise doch einmal ernstgemeint ist. Adlerauge, sei
wachsam. Da wird Übersetzen zum Ritt über den Bodensee.
Wir kommen zum Ende, stehen kurz vorm Eintritt ins Nirwana. Eins habe ich
mich während der langwierigen Beschäftigung mit Fieldings „Essay on
Nothing“ immer wieder gefragt: Wieso ist Fielding eigentlich nicht auf das
Naheliegendste gestoßen? Auf das ethymologisch Augenfälligste? Was meine ich?
Ich meine: Nothing muss doch wohl abgeleitet werden von no thing,
für die, die des Englischen nicht mächtig sind: kein Ding, Un-Ding sozusagen.
Und ferner verrät uns das englische thing – ob nun in der Form von no
thing oder seinem Gegenteill a thing – seine Wurzeln viel konkreter,
dinglicher und deshalb auch denkbarer. Es ist das urgermanische Thing, die
Sache, die auf dem Thing-Platz verhandelt wurde. Es geht also um Gericht, um
Entscheidungen über Leben und Tod, um Sein oder Nicht-Sein, Ding oder
Nicht-Ding. Das Wabbelige, das heute dem Wort Ding anhaftet („das ist ja 'n Ding
'“) fehlte ihm damals noch völlig. Ja, meine Damen und Herren, damals war die
Welt noch in Ordnung, Thing oder kein Thing, eine schwarz-weiße Welt war das,
die sich heute allenfalls noch in der Welt der Italo-Western erhalten hat.
Und erst jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, steht mir, schlagartig, die
ganze Wahrheit vor Augen: Der Autor mit Namen Fielding war geradezu
prädestiniert dafür, den einzigartigen Essay über Nichts zu schreiben; denn was
steckt in Fielding, zu deutsch Feld-Ding, anderes als Thing-Platz,
Gerichts-Platz? Hätte ich nur deine anderen Schriften bedacht, Henry, in denen
du dich so oft als Richter ausgibst, als Zensor, als Oberzensor gar von ganz
Großbritannien, dann wäre ich nicht – steht zu hoffen – auf die zahlreichen
Finten und Fallen, die du gestellt hast, reingefallen, auf das überschäumende
hustle-bustle, das einem wahren Whirlpool aus Worten gleichkommt. Ich hätte von
Anfang an wissen müssen, dass deine Lobrede auf das Nichts nicht ernst gemeint
sein kann, die Verballhornung des Preisliedes hingegen sehr ernst,
todernst.
Vorgetragen anlässlich einer Lesung in der Frankfurter
„Denkbar“ am 27.8.1999
Henry Fielding, Essay über
Nichts. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt/M., 1995,
16 Seiten, ins
Deutsche übertragen von Wigand Lange
„Nichts ist sowohl das Objekt unserer Sinne wie auch
unserer Leidenschaften. So gibt es viele, die Nichts lieben, einige, die Nichts
hassen, und andere, die Nichts fürchten & c. .... Wir werden sehen,...
dass... Nichts genauso oft Objekt des Verstandes ist wie der
Sinne.
So bilden sich manche Menschen ein, das Verstehen sei,
wenn das Adjektiv menschlich davorsteht, ein anderes Wort für Nichts. Und einer
der weisesten Menschen auf der Welt hat erklärt, er wisse Nichts.
Ohne jedoch so weit gehen zu wollen, glaube ich, folgendes kann
zugestanden werden: dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass ein Mensch
Nichts weiß. Und wer viele der genialen Werke der Moderne mit angemessener
Aufmerksamkeit und Honorierung überflogen hat, wird, denke ich, bekennen, dass
er, wenn er sie richtig verstanden hat, Nichts verstanden hat.
Dieses Geheimnis ist nicht allen Lesern geläufig, und solch
mangelndes Verständnis hat sehr viel Verwirrung gestiftet. Denn wenn einem Leser
einmal ein Buch oder Kapitel oder Absatz Nichts zu enthalten scheint, dann redet
ihm seine Bescheidenheit gelegentlich ein, ihm sei die wahre Bedeutung des
Werkes entgangen, statt dass er gefolgert hätte, dass der Autor in besagtem Buch
& c. wahrlich und nach bestem Wissen und Gewissen Nichts aussagen
wollte....“
Aus Henry Fieldings
Essay über Nichts,
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 1995, S.13 f.