Ein Schiff steht still im Triebe

Ein Hörbild

Melodie des Kirchenliedes »Es kommt ein Schiff geladen«, instrumentiert; die Grundidee ist die bekannte Melodie, die im Laufe des Hörbilds weiterentwickelt und verfremdet wird, möglicherweise ä la Jimmy Hendrix' star‑spangled banner.

I.

Ein Schiff läuft in den Hafen ein. Ein Ozeanriese mit drei Schloten. Ein unförmiger, plumper Pott, dennoch majestätisch, wie es sie in der ersten Jahrhunderthälfte gab. Ehemals ein Luxusdampfer, das Äußere jetzt seltsam zerschunden. Ein heruntergekommener grauschwarzer Klotz, der auf dem Wasser treibt. Völlig verwahrlost. Seit Jahren hat der Kasten keinen Pinselstrich mehr gesehen. Möglich, daß ein Feuer auf dem Schiff gewütet hat, ein Kessel explodiert ist. Oder es kehrt gerade von einer jahrelangen Odyssee auf den Weltmeeren in die Heimat zurück, schwer mitgenommen von Stürmen und Orkanen. Opfer des erbarmungslos gefräßigen Rosts. Gespenstischer Eindruck. Ein Fluch scheint auf ihm zu lasten. Jedenfalls muß irgendeine furchtbare Katastrophe über das Schiff hereingebrochen sein.

Es kommt ein Schiff geladen

bis an sein höchsten Bord

trägt Gottes Sohn voll Gnaden

des Vaters ewges Wort

(Melodie weiterentwickelt; bricht plötzlich ab)

II.

Nein, es kommt kein Schiff geladen. Vielmehr: das Schiff geht still im Triebe. Nein, auch das nicht. Das Schiff steht still im Triebe. Es steht still und scheint dennoch Fahrt zu machen! Ja, aus solchem Zeug sind Träume gemacht. Es wird schwer sein, meinen Traum nachzuvollziehen. Träume sind nur für Träumende da. Wie schwierig es ist, ein Bild, ein Gemälde in Worte zu fassen, um wieviel mehr noch ein Traumbild. Es hat eine vierte Dimension. Es vermag Dinge, die ein reales Bild nicht vermag. Dieses Traumbild hat sich in mein Gedächtnis, oder ist es mein Unterbewußtsein, eingeätzt und ich bekomme es da beim besten Willen nicht wieder hinaus. Ab und zu taucht es, wie ein U‑Boot, auf, meist völlig unerwartet. Es begleitet mich schon seit mehr als zwei Jahren. Ich wünsche mir, daß das Schiff in seinen Hafen einliefe, dort festmachte und seine Passagiere an Land entließe. Ich vermute, ich bin einer von ihnen, wenn ich das Schiff auch aus der Entfernung beobachte. Auch das ist im Traum möglich. Aber das Schiff kann aus irgendeinem Grunde nicht in den Hafen, dem es doch so nahe ist einlaufen. Es steht still im Triebe. Es steht still und macht dennoch Fahrt. Es liegt fest als hätte es Anker geworfen und zerrt nun an den hindernden Ketten. Es ist, als warte es auf seine Landungsgenehmigung, als werde es magisch von unsichtbarer Hand festgehalten. Dennoch bäumt sich das Wasser am Bug zu einer kleinen Welle auf. Ich sehe es ganz deutlich. Aber der Dampfer verharrt genauso starr an einundderselben Stelle wie das Bild in meinem Kopf. Es kommt mir vor, als sei das Traumbild Teil eines Films, der stehengeblieben ist. Ein eingefrorenes Bild. Das Bild weigert sich, weiterzulaufen. Das Bild ist der Film. Wie die Fotografie einen Expeditionsschiffes, das im Eismeer eingefroren ist. Der Betrachter ahnt wo es hergekommen ist und wo es hin will, aber nicht kann.

(Musik)

III.

Auf dem Bild lastet eine düstere Stimmung. Die Farbe der nur leicht gekräuselten Wasserfläche, ein stählernes Blaugrau. Der Himmel eine gräuliche Masse. Das Schiff hebt sich von dieser tristen Einöde durch noch dunklere Töne ab, fleckiges Grauschwarz. Nieselregen überzieht Himmel, Wasser und Dampfer gleichermaßen mit einem gleichmachenden Schleier. Von der Hafenanlage, auf die das Schiff zuhält und doch nicht zuhält oder zuhalten will und nicht kann, sind nur schemenhafte Konturen erkennbar. Der Dampfer steht still, obgleich dünne schwarze Rauchfäden aus den Schornsteinen aufsteigen. Das alles aber nur auf den ersten Blick. Je länger das Bild verharrt, desto deutlicher treten Einzelheiten hervor. Vielmehr: Ich sehe sie nicht, aber ich weiß, sie sind da. Der Träumende lernt zwischen diversen Arten dunkler Töne zu unterscheiden: Die riesige Bordwand des Schiffes schwarz, hier rauchgeschwärzt, rußig, sonst ein mattes ausgeblichenes Schwarzgrau, die Farbschichten teils abgeplatzt, undefinierbare Farbflecken vergangener Zeiten lugen hervor, über die der braunrote Rost hergefallen ist. Der Regen bringt einen Schimmer in diese traurige Farbkomposition, aber der Gesamteindruck bleibt dennoch unverändert düster: graugrau. Auch wenn das Wasser hie und da silbrig weiß glänzen will.

(Melodie: Es kommt ein Schiff geladen ... weiterentwickelt)

IV.

Das Deck ist mit zahlreichen Personen übersät. Zunächst sind auch sie nur schwarzgraue Kleckse, dann aber, nach einem Zoom, werden ihre Profile, ihre Gesichtszüge deutlich. Einige stehen in kleinen Gruppen herum, die große Mehrheit aber vereinzelt. Ausnahmslos sind ihre Blicke über den Bug hinweg auf das Ziel, den Hafen, gerichtet. Sämtliche Figuren, zwei- bis vierhundert, oder mehr, verharren in untätiger Spannung. Es gibt nichts zu tun. Ihre Haltung gebeugt, als trügen sie eine schwere Last auf den Schultern. Ihr Äußeres weist wenig Differenzierung auf. Schwarze Jacken und Mäntel, dunkle Hosen, schwarze Schuhe. Nicht zu erkennen, wer zur Schiffsmannschaft gehört wer Passagier. Gleichförmig wie Soldaten. Männer größtenteils zwischen vierzig und sechzig. Ihre Mienen verraten, sie kehren von langer strapaziöser Fahrt zurück; eine Expedition, die erfolglos geblieben. Ihnen allen steht Enttäuschung auf die ausgemergelten Gesichter geschrieben, unendliche Enttäuschung. Was immer passiert sein mag, sie haben die Katastrophe überlebt, aber das Schicksal hat alles Lebendige aus ihnen herausgeschlagen. Tot bei lebendigem Leibe. Kein Einziger freut sich über die Heimkehr. Kein Einziger sucht die Kaimauern nach Angehörigen ab. Niemand wartet auf sie. Völlige Leere, von zwei, drei Hafenarbeitern abgesehen. Keine Frauen mit Kindern auf dem Arm, Blumensträuße haltend. Kein Empfangskomitee, keine Blaskapelle. Nur die vagen Umrisse zweier sonnenbebrillter Männer in unauffälligen Regenmänteln mit hochgeschlagenen Kragen. Die Männer an Bord starren auf den menschenleeren Hafen wie auf ihre eigene ungewisse trostlose Zukunft. Wie starre Stangen aus Enttäuschung, Verbitterung, Trauer halten ihre Blicke das Schiff von den Kaimauern fern. Sie fürchten die Heimkehr. Niemand erwartet sie, niemand will sie, ihr Bett ist schon lange belegt. Zu Tränen sind sie nicht mehr fähig. Sie würden auf diesem graugrauen Bild unkenntlich bleiben. Das Beste wäre, das Schiff würde umkehren. Doch wohin. Und was würde das ändern.

Das Schiff geht still im Triebe

das Schiff steht still im Triebe

es trägt eine teure Last

 es trägt eine schwere Last . . .

 

(Auszug aus: Schweigen. Eine literarische Anthologie, hrsg. von Wigand Lange et al. Frankfurt: Brandes & Apsel Verlag 1996)



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Letzte Aktualisierung am 01.11.2010