Das Wort Behinderung ist für mich negativ besetzt. Bis vor kurzem
wurden Behinderte in unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man schämte sich ihrer
und sperrte sie in Irrenhäuser, Armenhäuser, Kliniken und Krankenhäuser. Statt
diese wehrlosen, hilfsbedürftigen, geistig oder körperlich aus der Norm
fallenden Menschen zu achten, ächtete man sie, und man schreckte nicht davor
zurück, sie reihenweise zu töten, wie im Dritten Reich geschehen. Der Begriff
Behinderung ist unspezifisch und diffus. Es bedarf endloser rechtlicher,
um zu sagen, was das eigentlich ist, ein Behinderter. Zwischen einem geistig und
einem körperlich Behinderten besteht ein Riesen-Unterschied. Die Verbform
behindern ist transitiv. Es entsteht der Eindruck, als wisse man, wer
oder was den Betroffenen behindert. Die Urheberschaft liegt aber eben oft im
Dunkeln.
In meinem Portemoinnaie steckt ein grüner gefalteter Schein mit der
Aufschrift „Schwerbehinderter -- 70 % -- unbefristet“. Den Ausweis habe ich
schon lange. Ich zeige ihn nicht gern vor. Aber er gewährt eine Reihe von
Vorteilen, auch finanzieller Art. Ich bin eitel, tue manchmal so, als sei ich
kern gesund, besonders in Gegenwart von Fremden und Frauen. Wer mich kennt,
weiss Bescheid.
Parkinson ist eine höchst individuelle Erscheinung. Manchen Betroffenen sieht
man die Krankheit nicht ohne weiteres an. Seit meiner Diagnose vor 13 Jahren
wehre ich mich gegen die Ghettoisierung von Behinderten und Kranken. Ich möchte
nichts weiter als „normal“ behandelt werden. Meine Krankheit habe ich akzeptiert
und Parkinson sogar als meinen Freund bezeichnet.
Ich bin davon überzeugt, dass der Verlauf des Morbus Parkinson verlangsamt
und möglicherweise gestoppt werden kann. Wenn ich mich aber jahrelang nur als
Kranker, Behinderter oder Betroffener verstanden habe, dann stehe ich bei
Wegfall der Behinderung vor einem Dilemma: Wer bin ich denn ohne Parkinson?
Ich führe ein Doppelleben. Tagsüber geht es mir leidlich gut. Nachts werde
ich von Bewegungslosigkeit geplagt. Es ist, als stürbe ich jeden Abend einen
kleinen Tod. An guten Tagen düse ich auf meinem Sportrad durch das Voralpenland
mit Karacho die Abfahrt von Wessobrunn in die Weilheimer Senke hinunter und dann
die engen Kurven den steilen Berg hinauf in Richtung Forst. Meine Nachbarn sind
verwirrt: Jetzt sehen sie mich auf dem Radl davon brausen, kurz vorher haben sie
noch beobachtet, wie ich mich mit dem Mülleimer zur Mülltonne hinterm Haus
quäle, wie über einen Hindernisparcour, mit krummem Rücken und in
Rekordlangsamkeit. Parkinson bedeutet Leben in Zeitlupentempo.
Ich kann mich nicht an diese Wechselbäder gewöhnen. Nachts plagen mich wilde
Albträume, morgens zermartern mir Depressionen das Hirn. Und immer die Angst,
dass eines Tages der Saft nicht mehr in meine Knochen zurückkehrt. Der Wechsel
von Normalität und Off, der Umschlag in den Langsamgang, in die Blockade, in die
Überbeweglichkeit, stets unerwartet und blitzschnell. Auch daran kann ich mich
nicht gewöhnen.
Verglichen mit manchem Querschnittsgelähmten bin ich mit meinem Doppelleben
doch noch ganz gut dran. Doch derartige Vergleiche sind selbst „behindert“, denn
sie hinken. Die wollen gar nicht tauschen mit mir und ich nicht mit ihnen.
Eine kleine Pumpe mit 20 Milligramm Apomorphin gestattet mir jeden Tag 15,32
Stunden, in denen ich mich frei bewegen und über die ich frei verfügen kann.
Freigänger. Es ist wie eine Bewährungsprobe. In diesen Stunden muss ich all das
bewerkstelligen, was notwendig ist, damit ich am nächsten Tag wieder fit für den
„Freigang“ bin.
Ich komme mir vor wie ein Alleinunterhalter im Zirkus. Jeden Abend das
gleiche Soloprogramm. Trapezkünstler und Clown in einer Person. Jede Nacht der
gleiche Auftritt, ohne Netz. Eine falsche Bewegung und schon liegt der
Seiltänzer auf der Nase. 365 Auftritte im Jahr. Das ist eine Anstrengung
sondergleichen.