Die neue Rechtschreibung

Von Leerern, Plärrern und Geleerten

Eine Geschichte für Kinder

Es ist drei Uhr. Es klingelt. Ingo öffnet die Haustür und lässt seinen Freund Egon herein. Sie sind verabredet, um eine Geschichte über ihren Klassenlehrer für die Abschlussfeier der 4a zu schreiben. Die Feier findet am Abend statt. Ein Last-minute-Unternehmen sozusagen.
„Hast du dir was überlegt?“ fragt Egon seinen Freund.
„Nee. Und du?“
„Auch nich.“
„O, Mann! Wir haben nur noch zwei Stunden.“
„Das schaffen wir nich.“
„Also los, fangen wir an!“
„Am besten schreiben wir die Geschichte gleich in den Computer, da sparen wir Zeit.“
„Was nehmen wir denn als Überschrift?“
„Na, ganz einfach: Unser L-ê-r-e-r.“
Ingo schreibt und hält inne: „Ähhh...“
„Was ist denn?“, fragt Egon ungeduldig.
„Wie schreibt man denn L-ê-r-e-r?“
Egon: „Na, mit langem ê natürlich.“
„Ha, ha, das is mir auch klar, sonst heißt es ja Lerrer, und das klingt wie Plärrer.“
„O, ja“, ruft Egon. „Unser Lerrer, der Plärrer.“
„Mensch, sei doch n bisschen ernsthaft.“
„O.k. Unser Lerrer ist kein Plärrer.“
„Mann, Egon. – Übrigens, mein Computer hat ein Rechtschreibprogramm, da brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, wie man das Zeug schreibt.“
„Also, was soll unser L-ê-r-e-r denn tun?“
„Unser L-ê-r-e-r ähhh... l-ê-r-t...“
„Was denn?“
„O, schau mal, der Computer schlägt vor: Lehrer lehrt Papierkorb.“
„O, Mann, der spinnt vielleicht. Papierkorb ist doch kein Unterrichtsfach.“
„Is doch egal. Ich hab noch ne bessere Idee. L-ê-r-e-r l-ê-r-t l-ê-r-e-n Papierkorb.“
„Soll das witzig sein?“
„Nee, aber s reimt sich.“
„Wenn ich richtig informiert bin, darf bei einem Reim das Reimwort nicht wiederholt werden.“
„Ich hab das Gefühlt, Herr Zippelmann wird sich nich über son Unsinn freuen.“
„Du, mein Bruder hat ein Gedicht auswendig lernen müssen, das is von diesem G-ö-t-e. Es heißt Der Zauberl-ê-r-l-i-n-g."
„Mit ê ha oder mit zwei ê?“
„Nach der neuen Rechtschreibung wahrscheinlich mit drei ê.“
„O, ja. Wir schreiben was über diesen Zauber-l-ê-r-l-i-n-g, gemeint is aber der Zippelmann. Was macht denn dieser Zauber-l-ê-r-l-i-n-g?“
„Ich glaube, der soll Wasser holen; tut er auch; er zaubert das Wasser herbei, hat aber vergessen, wie man’s wieder abstellt.“
„Ach was, das ist mir zu doof. Wir lassen den L-ê-r-l-i-n-g einfach Papierkörbe l-ê-r-e-n. Statt
L-ê-r-e-r lassen wir L-ê-r-l-i-n-g-e l-ê-r-e Papierkörbe l-ê-r-e-n.“
„Im L-ê-r-e-r-zimmer.“
„Das is doch Krampf.“ Die beiden Jungen schauen ratlos auf die Uhr. Dann sagt Egon: „Das wird nichts mehr. Vielleicht können wir diesen G-ö-t-e mit einbauen. Der scheint so was wie’n Oberfuzzi unter den Schriftstellern zu sein. Hat gerade seinen 250sten Geburtstag gehabt.“
„Au weia, is der aber alt,“ kommt es von Ingo. „Wir schaun einfach im Internet nach, da kriegt man auf alles ne Antwort.“
Die Jungs surfen im Internet. Sie streiten über die Frage, ob man Goethe mit ‚ö’ schreibt oder mit ‚oe’. Über die Informationen aus dem Internet müssen beide lachen. Egon liest laut vor: „Johann Wolfang von G-ö-t-e, Dichter und G-e-l-ê-r-t-e-r, geboren 1749. Sein Erstlingsroman Die Leiden des jungen Werther...
„G-e-l-ê-r-t-e-r,” jauchzt Ingo, was soll’n das nun wieder sein?”
„Das is, wie wenn ein Papierkorb g-e-l-ê-r-t wird, dann isser halt l-ê-r, also ein G-e-l-ê-r-t-e-r.“
„Also muß dieser G-ö-t-e früher einmal voll gewesen ein.“
„Mein Vatter,“ sagt Egon, „is auch jeden Abend voll. Ich wünsche mir, der würde auch
G-e-l-ê-r-t-e-r.“
„Abends voll, morgens G-e-l-ê-r-t-e-r.“
„Wenn der trinkt, benimmt er sich wie son G-e-l-ê-r-t-e-r. Hat dann jede Menge Sprüche auf Lager. Zum Beispiel: Der Taucher, gluck, gluck, weg war er. Is glaub ich auch von diesem G-ö-t-e.“
„Du, Ingo, wir ham keine Zeit mehr.“
„Schaun wir mal, was wir alles geschrieben haben.“
Der Drucker fängt an zu rattern. Die Jungs machen große Augen, als sie das Ausgedruckte sehen. Ein einziger Wortsalat. Sie lesen (beide durcheinander): „leer, lehrer, am geleertesten. – gelehrt, Geleerter, ganz lehr. – Gelehrter Lehrer leert leere Lehrbücher aus leeren Papierkörben. – Lehrlinge aller Länder: lehrt euren Leerherren, leere Lehren zu entlehren. – Lehrten Geleerte leere Lehren oder leerende Lehrlinge volles Leergut?“
Egon haut auf den Tisch. „Stell den Kasten ab, da kommt nur l-ê-r-e-s Gerede bei raus.“
Nach einer Pause sagt Ingo: „Ich finde, die Sache hat keinen Reiz. Ach, Egon, was machen wir bloß? Ich komme mir so leer vor. Eigentlich wollte ich eine ganz tolle Geschichte über den Zippelmann schreiben. Er hat es wirklich verdient.“
Beide sind den Tränen nahe.
„Egon, eins musst du mir versprechen. Auf keinen Fall lesen wir dies l-ê-r-e Gefasel heute Abend vor. Das ist das einzig Richtige, was wir unter diesen Umständen tun können.“
„Worauf du dich verlassen kannst.“

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Letzte Aktualisierung am 01.11.2010