Die Delegiertenkonferenz der Parkinson-Vereinigung fand in der
Tagungsstätte der evangelischen Kirche im hinteren Taunus statt. Ich kam abends
bei Einbruch der Dunkelheit in der kleinen Ortschaft an. Der offizielle Teil des
ersten Tages war bereits vorbei, ich traf den Landesvorsitzenden beim Aufräumen
in der Gaststube. Er kam mir erregt vor, der Trubel des Tages hatte seine Spuren
hinterlassen. Auf einmal hielt er inne und entschuldigte sich gleichsam bei mir:
„Verzeihen Sie! Ich bin gleich wieder da.“ Er ging auf den Flur hinaus, und ich
wurde Zeuge eines sehr kuriosen Vorgangs. Er marschierte den langen Gang im
militärischen Stechschritt hinunter und wieder zurück. Das Ganze zwei- oder
dreimal. Dann brach er genauso plötzlich ab und wandte sich wieder mir zu. Das
war eine physische Höchstleistung. So etwas hatte ich allenfalls bei einer
militärischen Parade gesehen.
Ich verstand erst viel später, was hier vor sich ging.
Der andere litt an extremen Überschussbewegungen und der Stechschritt war seine
Art, Dampf abzulassen, das heißt, überschüssige Energie in kontrollierte Bahnen
zu lenken.
Anläßlich einer Lesung traf ich eine Frau, die mich in
noch größeres Staunen versetzte. Wir hatten am Tisch zusammen Kaffee getrunken
und uns unterhalten. Als es Zeit zum Aufbruch war, sagte sie: „Wundern Sie sich
nicht, wenn ich rückwärts laufe, vorwärts geht's einfach nicht mehr.“ Schon
setzte sie ein Bein übers andere und war so schnell zur Tür hinaus, dass ich,
der Vorwärtsgehende, einen Zahn zulegen mußte, um mit ihr mithalten zu können.
Und wie so oft, war dann in der Stadt für mich nicht das Besondere (das
Rückwärts-Vorwärts-Gehen) das Besondere sondern das Gaffen der Leute, denen wir
begegneten.
Parkinson-Kranke müssen erfinderisch sein. Mit Tricks
können sie sich selbst überlisten. Da gibt es beispielsweise den
Anti-Freezing-Stab, den man allerdings oft nicht bei sich hat, wenn man ihn
braucht. Der Schauspieler Manfred Hilbig beschreibt sehr anschaulich, wie er
seine Gehblockaden auflöst. Er folgt dem Beispiel jener chinesischen Boten, die
auf den langen Strecken, die sie zurückzulegen hatten, einen kleinen Ball vor
sich her rollen liessen, dem sie folgten und der ihre Aufmerksamkeit auf sich
zog und sie so am Einschlafen hinderte. Hilbig trägt einen Tennisball bei sich,
den er vor sich her rollt, wenn er eine Gehblockade auflösen will.
Ich selber sorgte für einigen Wirbel in der Klinik, wo meine
Medikamente neu eingestellt werden sollten. Als erstes wurde die alte Medikation
heruntergefahren, so dass ich kaum noch laufen konnte. Aber ich hatte einen
Kinderroller mitgebracht, den ich neben mein Bett stellte. Wenn ich Essen, auf
die Toilette oder nach draussen wollte, stieg ich aus dem Bett direkt auf den
Roller, stellte mich aufrecht hin, um das Gleichgewicht zu halten, stieß mich
mit einem Fuß ab und düste so die langen Korridore der Klinik rauf und runter
zum Erschrecken des Personals und der Patienten, die erschrocken zur Seite
sprangen. Dem Chefarzt gefiel die Idee und er drehte einen kurzen Videofilm
davon. Später fand ich heraus, dass es ein kleines Mißverständnis gab: Das
Pflegepersonal ging davon aus, dass ich Roller fuhr, wenn es mir besonders gut
ging, aus Übermut.. Genau das Gegenteil war der Fall! Ich fuhr Roller, weil ich
nicht laufen konnte. Oftmals hörte ich Angehörige Sätze sagen wie, „Das solltest
Du auch mal probieren, Otto“, worauf Otto entgegnete, „Ach, laß mich doch in
Ruhe.“ Als ich zwei Jahre später wieder durch dieselbe Klinik ging, war ich
derjenige, der staunte: Vor einigen Türen zu den Ärztezimmern waren Kinderroller
geparkt!
Der Kinderroller war mir zu Zeiten der Rekonvaleszenz ein wichtiges
Instrument.Ich nahm ihn mit auf Reisen, zum Einkaufen und zum „Spazierengehen.“
Ich werde nie vergessen, wie der Bürgermeister unseres Dorfes den Hals reckte,
als ich an ihm vorbei die Strasse den Hang hinunter ins Dorf sauste und er mir
ein „Was war denn das?“ hinterher schickte. Allein die alkoholisierten
Oktoberfestbesucher auf dem Münchener Hauptbahnhof waren völlig unbeeindruckt,
und ich hätte beinahe einen von ihnen umgefahren.

Ich kam mir damals vor wie jener „Mann mit dem Koks“. Es fehlte nur
noch, dass ein Kind gerufen hätte, „Mutter, der Mann mit dem Roller ist da.“
Der Fairnis halber sei hier angemerkt, dass drei Jahre später ein
Ereignis mir das Rollerfahren fürs Erste verleidete. Es war die Jahreszeit, zu
der die Dorfstrassen mit gefährlichen Kuhplatschern übersät waren, und der
Rollerfahrer lernte, was man unter Slalom versteht. Auf der Rückfahrt vom
Einkaufen war die Dunkelheit schon ausgebrochen. Schwer beladen mit Rucksack und
prall gefüllter Einkaufstüte übersah der Fahrer die Katzenköpfeeiner
Bordsteinkante, das kleine Vorderrad blieb stecken und Fahrer samt Ladung
flogen, wie einstens Münchhausen, durch die Luft und landeten bäuchlings auf dem
Bürgersteig. Als er vorsichtig das Gesicht vom Pflaster hob, sah er um sich
herum ein Gemisch aus Blut, Joghurt, Glasscherben und Teilen seiner Brille in
der Dunkelheit funkeln. Der Schreck fuhr ihm aber erst zu Hause in die Knochen,
als er sein blutüberströmtes Gesicht im Spiegel sah.
Eine Erfindung sei schließlich noch erwähnt, das
sogenannte Sechstagerennen. In der Zeit des Entzugs der Medikamente hatte ich
panische Angst, nicht wieder aufstehen zu können, wenn ich erst einmal im Bett
lag, oder auf einem Stuhl saß oder einfach nur stehen blieb. Ohne fremde Hilfe
konnte ich mich nicht aus der Bewegungslosigkeit befreien. Ich suchte also nach
Wegen und Mitteln, um in Bewegung zu bleiben. Die Korridore auf der Station
bildeten ein Viereck. Zum Essen setzte ich mich nicht an einen Tisch, sondern
lief, rannte oder trottete um die vier Ecken und nahm mir im Vorübergehen einen
Happen von meinem Teller, den ich auf dem Tresen im Empfangsbereich der Station
deponiert hatte. Oft drehte ich unzählige Runden, ohne Pause, wie die Rennfahrer
auf dem Sechstagerennen.
Während der ersten 14 Jahre meiner Parkinson-Diagnose
war die sogenannte Akinese, also die Verlangsamung aller motorischen Bewegungen,
mein Hauptsymtom. Seit Neuestem habe ich mich mit dem Gegenteil, der
Hyperkinese, auseinanderzusetzen. Damit ist ein gewisses Zuviel an
Bewegungsenergie gemeint, das in Überschussbewegungen resultiert. Das sind von
dem Betroffenen nicht gewollte, unkontrollierte Bewegungen. Wenn man mit Kindern
oder Hunden spazieren geht, legen diese einen weitaus längeren Weg zurück als
die Erwachsenen. Sie streunern abseits vom Weg im Gelände herum, preschen in
alle Himmelsrichtungen vor und folgen auch mal ihrer eigenen Spur rückwärts.
ähnlich der Parkinson-Betroffene! Man bezeichnet seine Bewegungen oft als
tänzelnd. Wenn hier überhaupt von Tanz die Rede sein kann, dann allenfalls von
Veitstanz. Ich ziehe es vor, von Ballett zu sprechen, wobei ich nicht das
klassische Ballett à la Schwanensee meine.
Es mag der Reiz des Neuen sein, ich muss gestehen,
dieses Ballett fasziniert mich, insbesondere das Gefühl, das ich,
der Tänzer, dabei habe. Eigentlich muss es Gefühle heissen, denn jede Bewegung
setzt sich zusammen aus einer Vielzahl von kleineren, manchmal winzigen
movements, Zuckungen, Verrenkungen, Dehnungen, die für den Parkinson-Akteur in
einer ganz speziellen Empfindung resultieren. Die zu beschreiben scheint mir im
Moment noch ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist die schwierigste Herausforderung
für mich als Schriftsteller. Zumal ich damit rechne, nein, ich bin überzeugt
davon, dass Aussenstehende, Zuschauer oder Leser, die Vielfalt dieser
Empfindungen und Bedeutungen nicht sehen, erkennen oder nachvollziehen können.
Deren Beobachtungen gipfeln bekanntlich oft in der einen disqualifizierenden
Bemerkung: „Der ist ja schon am frühen Morgen besoffen.“
Für den Betroffenen ist ein Tag voller
Überschussbewegungen wie eine ganztägige bizarre Ballettvorstellung auf der
Weltenbühne des Individuums: In anderem Zusammenhang habe ich den Alltag eines
Parkinsonisten als eine nicht endenwollende Clownsnummer im Zirkus bezeichnet
(„Parkinson ist ein Komödiant“ (Frankfurter Rundschau vom
9.8.2007). In der Tat liegt hier eine große Affinität mit den Figuren und der
Szenerie aus den Stücken Samuel Becketts vor (etwa in Warten auf Godot
oder Endspiel).