Der Augen-Blick

Monolog
von   Wigand Lange
frei nach Henry Fieldings Farce

Die Tragödie der Tragödien oder Leben und Tod von Tom Daum dem Großen

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die Bühn mit Tränen tränken
mit grausger Sprach das öffentliche Ohr durchstoßen
den Schuldgen in den Wahnsinn treiben
den Bürger schocken
den Ahnungslosen in Verwirrung bringen
die Sinne recht in Erstaunen setzen

der Schuldige, unten im Parkett
erschrickt zutiefst
wenn er die List der Szene auf der Bühne spürt
und verrät das eigene Verbrechen
denn Mord spricht, auch ohne Laut
auf höchst sonderbare Weis

Hamlet

Der Zeitpunkt der Premiere rückte bedrohlich nahe. Die Bedingungen für die Inszenierung waren ideal gewesen, war doch Fielding Regisseur, Hausherr und Autor in einer Person. Wir hatten genügend Probenzeit zur Verfügung gehabt, aber dann, wie so oft am Theater, begann die Zeit zu rasen, es waren auf einmal nur noch drei, zwei Wochen, dann nur noch Tage, Stunden, Minuten bis zum Beginn der Vorstellung. Ich fieberte dem Moment entgegen, fürchtete ihn gar, denn mir stand ein Auftritt ganz besonderer Art bevor, das Risiko lag höher als bei anderen, je von mir gespielten Rollen. Ich mußte den Bösewicht böse und sympathisch zugleich spielen, mußte mich als Kleiner ins Maßlose, gleichsam Gigantische steigern, das aber von Anfang an in dem Bewußtsein meiner eigenen Vernichtung. Denn die Selbstzerstörung war die Bedingung für meine nur wenige Minuten währende Größe. Kaum war ich meiner Kleinheit entronnen, schon würde ich -- so wollte es das Stück -- von einer roten Kuh verschluckt. So blieb mir als Schauspieler und Mensch, nur diese eine kurze Chance. Sollte der Plan mißlingen, so wäre ich in den Augen des Publikums eben nur das, was ich zu sein scheine: bestenfalls ein zu bemitleidender, größenwahnsinniger Zwerg. -- Weit davon entfernt, der Premiere gelassen und in Ruhe entgegenzusehen, zählte ich -- ganz gegen meine Gewohnheit -- die Minuten und Sekunden, bis es endlich soweit war. Das Uhrwerk der Aufführung war im Gange und konnte nur noch durch eine Naturkatastrophe aufgehalten werden. Und so kam der Moment meines ersten großen Auftritts, ich mußte hinaus in die feindliche Welt. Fielding stand neben mir in der Gasse. Er redete immer noch auf mich ein, ich solle immer an Walpfahl denken ... groteske Erscheinung ... Arroganz der Macht ... Macht der Arroganz ... Intelligenz mit bäuerlicher Plumpheit gepaart ... Gerissenheit ... Unbarmherzigkeit gegen seine Feinde ... unbeirrbarer Egoismus ... Egozentrismus, daran sollte ich mich halten, ihn bloßstellen, Maske runterreißen, das Publikum würde es mir danken, Walpfahl stürzen, zumindest im Theater; ich hörte kaum noch zu, erhob keinen Einspruch mehr, dachte nur, was nützt es, Walpfahl ins Groteske zu übersteigern, ihn der Lächerlichkeit preiszugeben, das trifft nicht ins Herz, der Sieg ist von kurzer Dauer, die Lacher vergehen, Walpfahl aber bleibt. In diesem Augenblick werde ich von einer unbekannten Macht auf die Bühne hinausgezogen, es gibt kein Zurück mehr, der Fielding erteilt letzte Anweisungen in der Gasse, fuchtelt mit den Armen, keiner achtet mehr darauf, jetzt sind alle Augen auf mich gerichtet, das Haus hält den Atem an, es ist ein Geheimnis geblieben, wer dieser Tom Daum nun eigentlich sei, ein Gast, dem neugierigen Publikum unbekannt, wie würde er aussehen, ein Raunen geht durch die Reihen, das alles hatte ich erwartet, das war normal. Doch darf ich nicht länger ans Publikum denken, muß mich konzentrieren, Tom, fühl dich ein! Um mich zu beruhigen, werfe ich einen Blick zu Olivia hinüber, auf ihre ausgewogene, ideale Schönheit, sauge tief den Ausdruck ihrer noch unberührten Unschuld ein, die sie als Königstochter Huncamunca gegen den Ansturm zweier feindlicher Männer zu wahren hat, und widme meine ganze Aufmerksamkeit dem Geschehen auf der Bühne. Was sollen mir jetzt noch die Fehden der Vergangenheit, die Gegenwart beherrscht die Bühne, sie ganz allein, ohne wenn und aber, Vergangenes und Zukünftiges sind hier vereint, alles auf den Augenblick angelegt, und dieser nur entscheidet über Gelingen und Mißlingen, Sieg oder Niederlage. Gerade in diesem Moment, da ich im Begriff bin, meine Gedanken aus der Vergangenheit zu reißen, um nur der Gegenwart zu dienen, da trifft mein Blick, unerwartet, unvorbereitet, unvermeidlich und urplötzlich, aus einer Drehung heraus, zur ersten Begegnung mit Artus und seinem Gefolge ansetzend, den Bruchteil einer Sekunde nur, auf seinen Blick. -- Wir starren einander an im entscheidenden Moment des Turniers, Schlange und Kaninchen, doch wer ist hier das eine, wer das andre, da ist er also, hat es gewagt, in mein Reich vorzudringen, was will er hier, vielleicht naiv den Unschuldgen miemen, von allem keine Ahnung, nein Walpfahl, das glaubt dir keiner, nie handelst ohne Absicht du, alles nur zum eignen Vorteil, glaubst du, deine Gegenwart hier könne etwas bewirken, meinst du, hier habe auch nur einer Angst vor dir, weißt du eigentlich, wo du bist, das ist unser Territorium, unser einziges zwar, doch unseres, hier herrschen andere Gesetze, mein Lieber, teatrum mundi, Welttheater, schon mal was davon gehört, hier kommst du nicht ungeschoren raus, Vorsicht sage ich, Vorsicht, Tom! Die Riesen kommen, flüstert mir Olivia zu, die Riesen, ja die Riesen, laß sie nur kommen, mit denen werd ich fertig, die kenn ich, flitz ihnen durch die Beine, die sind ungeschickt, plump, pure Kraft, hier unten sitzt auch ein Riese, erster Minister, der ist gewitzt, unbesiegt bislang, mit dem heißt es fertigwerden, jetzt oder nie, Tom! Tom! hör ich eine Stimme was ist dir, du bist hier nicht alleine, und ob ich das bin, er und ich allein, jetzt muß es sich entscheiden, hallo Bobby, ich bin es, Tom Daum, ha, den kennst du doch, erinnerst dich, sein Gesicht eine glatte Maske, unbeweglich, zeig dein Gesicht Walpfahl, hier wird nichts verheimlicht, da, das Gelächter um dich herum, Bob, das gilt dir, kannst du’s ertragen, wie lange noch, orkanartig jetzt das Lachen, das ist gemein von uns, Bob, plötzlich verspür ich Mitleid, Mitleid mir dir, Dicker, lauf Vogel Strauß, nimm dich in Acht, die Mausefalle, da kommst du nicht mehr raus, was hat dich auch hierher geführt, hab dich gelockt, wo du es doch gut mit mir meintest, oder willst du um Verzeihung bitten, hier ist nicht Canossa, Bob, hier ist Gerichtstag. Liebe deine Feinde wie dich selbst, du hast es nie getan, kanntest keine Gnade, Christopher Layer, unschuldig gefoltert, gehenkt, kastriert, geköpft, gevierteilt, schöne Geschichten das, Bob, eine Schweißperle auf deiner Stirn? Es liegt an dir, gib uns ein Zeichen, leg die Maske ab, das Urteil ist noch nicht gesprochen –- du zeigst dich hart in gewohnter Manier, ein Zucken deiner Augenlider, mehr nicht, doch Schwitzen tust du ohne deinen Willen, die Seele ahnt, wohin es geht, die Zeit drängt, Bob, ich muß es wissen, ich glaube du verachtest mich, nimmst mich nicht ernst, ein ironisch Lächeln um deinen Mund, wem gilt das, mir, dann gilt es dir, Walpfahl, jetzt ist es aus, du hast die Macht, doch bist du jetzt auf meinem Boden, jetzt läuft das Uhrwerk ab, jetzt heißt es alles oder nichts, nimm dich zusammen Tom, sei groß jetzt

Jack be nimble
Jack be quick
Jack jump over the candlestick

den richtgen Ton, den richtgen Ausdruck im richtgen Moment, jag ihn in eine Zelle, ohn Ausgang, treib ihn herum von einer Ecke in die andre, hetz ihn zu Tode, reiß die Maske runter und sieh, ob er lacht oder weint, ein letztes Zaudern, das Zittern des Fingers am Abzug, die Angst vor dem Abdruck, der süße Geruch des Specks, das Ticken des Uhrwerks, das Unentrinnbare der Mausefalle, die Unbarmherzigkeit des Fallbeils, das Herzklopfen vor der entscheidenden Schlacht, die Ahnungslosigkeit des Opfers, die Feigheit des Fingers beim Abdruck, die unerwartete Galgenfrist, die Verwirrung im Augenblick der Wahrheit, das Gesicht Walpfahls, harmlose Gutmütigkeit, nichtsahnende Gemütlichkeit, vielleicht doch lieber mit dir als gegen dich, als dein Freund mehr bewirkend als deine Feinde, laß schlafende Hunde ruhn, Tom, säg nicht den Ast ab ...

(Auszug aus Der ÜberZwerg. Roman von Wigand Lange. Unveröffentlicht.)



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Letzte Aktualisierung am 01.11.2010