Als er versuchte, sich aufzurichten, durchdrang ihn ein stechender Schmerz.
Er dachte, der Schmerz hing mit seiner Haltung zusammen und würde beim
Aufrichten nachlassen. Beim Aufrichten aber stieß er gegen ein Etwas, das ihn
daran hinderte. Es war, als schränkte ihn ein Riegel in seiner Bewegungsfreiheit
ein. Mit seinen Händen tastete er unbeholfen auf seinem Rücken herum, aber die
Barriere mußte in ihm stecken, denn außen fand sich nichts. Immer wieder mühte
er sich von Neuem, der fatalen Stellung zu entrinnen. Ohne Erfolg. Der Schmerz
war indessen am größten, wenn er sich gegen die Sperre aufbäumte, und so hielt
er schließlich in seinen Bewegungen inne. Im Ruhestand verspürte er
Linderung.
An die
Stelle der Ausbruchsversuche trat das naive Hoffen, der Schmerz würde von
alleine verschwinden, wenn er nur geduldig wartete. Zuerst war es ein
zuversichtliches, gottvertrauendes Hoffen, das sich ‑- als nichts geschah -‑
verdichtete und wiederum in ein Aufwallen der Gefühle mündete, in ein
wildes Verlangen nach Befreiung aus der Umklammerung. Jede noch so geringe
Anstrengung des Körpers ließ den Schmerz zur plötzlichen Fontäne
anschnellen.
Die Augen
hielt er geschlossen ‑- vor Angst und Schmerz. Auf seinen Rücken reichten sie
ohnehin nicht, so sehr er sie auch verdrehen mochte. Es drängten sich ihm
penetrante bildhafte Vorstellungen auf, die sein Gehirn belagerten. Allen voran
der eiserne Riegel, dessen metallenes Dröhnen er deutlich hören konnte. Er hörte
den Riegel, also gab es ihn. So ehern klang er, daß jeder Versuch der Aufbäumung
dagegen unsinnig war.
Ein
dunkler Raum war sein Körper, ohne Tür und Fenster. Eine knöcherne Zelle, in der
er gefangen war. So niedrig war sie, daß er sich nicht aufrichten konnte und
fortwährend gegen die Decke stieß. Aber saß das Hindernis nicht in seinem
Rücken? Gleichwohl ertappte er sich dabei, wie er nach einem Ausgang tastete.
Als hätte er nicht einfach die Augen zu öffnen brauchen. Doch in ihm und um ihn
herum war es stockfinster.
Ein
Kaninchen tauchte auf, verharrte in angespannter Bewegungslosigkeit, auf die
Schlange starrend, das Zittern nach innen gerichtet. Ein solches Kaninchen wäre
er gerne gewesen, da gab es nichts Geheimnisvolles: es hatte einen Feind, der
ihm offensichtlich gegenüberlag. Damit konnte man etwas anfangen. Klare
Verhältnisse. Sein Feind war unsichtbar, hinterlistig, gemein. Zu beneiden war
dieses Kaninchen, mit seiner überschaubaren, traurigen Welt. Was wohl in ihm
vorgeht: Spürt es Gefahr, Angst -- wie er -‑ oder Freude? Vielleicht ist ihm
seine Umwelt gleichgültig und es hat überhaupt keine Gefühle. Sein Äußeres so
anheimelnd, kuschelig, Trost spendend. Schon glaubte er dieses Kaninchen zu
sein, nur die Schlange war nicht seine Schlange, sie war ihm fremd. Oder sie war
zum Riegel erstarrt.
Wie lange
er so dagestanden haben mochte, wußte er nicht; viel wichtiger: Wie lange würde
er noch so dastehen müssen? Wenn er wenigstens wüßte, was das Unglück, das über
ihn hereingebrochen war, ausgelöst haben mochte. Dann hätte er den Schlüssel in
der Hand, es umzukehren. Er brauchte dann nur den Riegel zurückzuschieben. Doch
erst einmal mußte er herausfinden, ob er durch eigenes Verschulden in die
vermaledeite Lage geraten war.
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Er solle
sich nicht so weit vornüberbeugen, hatte einer der Herren gesagt. Begleitet von
einem Fußtritt in die Beine; beinahe wäre er gestrauchelt.
Sofort,
ohne Zaudern, hatte er sich pflichtbewußt aufrichten wollen. Da war das Unglück
eingetreten. Dabei hatte er sich höchstens um einen halben Zoll weiter
hinuntergebeugt, mehr auf keinen Fall. Kaum merkbar. Und doch war es
aufgefallen. Stets hatte er sich bemüht, die ideale Stellung einzunehmen, um den
Herren die Arbeit zu erleichtern. Am Anfang war das schwierig gewesen; es
bedurfte enormer Anstrengung und Überwindung, bis er seinen Rücken weit genug
hinunterzwingen und stundenlang in derselben Stellung ausharren konnte. Monate,
Jahre hatte es gedauert. Stück für Stück hatte er sich federnd vorgeprescht.
Grad um Grad. Und immer hatte er nach geleisteter Arbeit erleichtert
zurückfedern können, wenn auch nie mehr ganz in die Ausgangsstellung. Jedes Mal
einen Deut weniger.
Dieses Mal
gab es kein Zurück. Es war bestimmt nicht mehr als ein läppischer Grad gewesen,
und damit war er ‑‑ ja: damit war er in der Horizontalen angelangt. Sein Rumpf
bildete jetzt einen rechten Winkel mit den Beinen. Eine geometrisch exakte
Figur. Das sollte ihm erst einmal einer nachmachen. Eine ebene Fläche, ideal zum
Schreiben. Ein lebender Tisch. Ein Tisch? ‑‑ Das war es! Er war zum Tisch
geworden! ...
(Auszug. Der vollständigeText in: Zerrissen und doch ganz. Anthologie
hrsg. von M. Wunderlich. Fuchstal: VirPriVerlag 2000), sowie in Mein
Freund Parkinson, Kap. 7