Ballowski und die Zwerge

Ballowski schien der einzige Spieler auf seiner Seite zu sein, während die gegnerische Mannschaft aus elf Spielern bestand. Aber das war gar nicht so schlimm, wie es sich anhört. Ballowski war nicht umsonst in der vergangenen Saison zum Fussballer des Jahres gekürt worden. Genau genommen war Ballowski nicht Fussballer, er war Ballkünstler, er nahm es gewöhnlich ohne weiteres mit vier, fünf Gegnern auf. Hier aber stand ihm eine komplette Elf gegenüber. Ballowski nahm auch diese Ungleichgewichtung als Herausforderung an.

  Das Erstaunliche war, dass die gegnerischen Spieler Zwerge waren, die ungeheuer gut aufeinander eingespielt waren. Man könnte meinen, dass sie wegen ihrer kurzen Beine im Laufen nicht so schnell waren wie Ballowski. Aber durch ihr perfektes Mannschaftsspiel machten sie das wett, Ballowski hatte im Grunde genommen keine Chance. Selbst wenn er im Ballbesitz war, kam immer noch einer dieser flinken Roadrunner vorbeigerannt und hob ihm den Ball vom Stiefel. Der Ball, der den Zwergen bis an den Bauchnabel reichte, schoss nur so an Ballowski vorbei, Ballowski konnte kaum den Kopf so schnell hin und her drehen. Sie wuselten und wieselten nur so um ihn herum, trippelten wie die Weltmeister, hielten dann den Ball überraschend lange in der Luft und liessen schliesslich Bombenschüsse los, dass Ballowski Hören und Sehen verging. Der Ball zischte regelrecht an ihm vorbei wie ein Feuerwerkskörper. Er kam immer seltener in Ballbesitz. Der Trick der Zwergenmannschaft war, dass sie ein immenses Zusammengehörigkeitsgefühl hatten und stets als Mannschaft über den Platz zog, als ein zusammenhängender Körper sozusagen, von dem der eine Teil genau wusste, was der andere vor hatte und dann auch tat. Ballowski hatte das Gefühl, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zuging, es war, als könnten die gegnerischen Spieler zaubern. Zum ersten Mal in seiner Fussballkarriere war ihm, als sei er machtlos. Ballowski ging sehr bald die Puste aus und es rasselte nur so Tore auf seiner Seite. Er wollte mehrmals das Spiel aufgeben, aber der Schiedsrichter drohte ihm jedes mal mit der roten Karte. Er musste weiterspielen, weil er der einzige Spieler auf seiner Seite war. Die Zwerge hätten ohne ihn allzu leichtes Spiel gehabt. Und so stand es inzwischen 10 zu 5, die fünf Tore hatte Ballowski gleich zu Beginn des Spiels geschossen, als die Zwerge sich noch nicht auf diesen Riesenspieler eingestellt hatten. Jetzt aber hagelte es Tore auf Ballowskis Seite. Die Bälle pfiffen an ihm vorbei. Es fiel ihm immer schwerer, in Ballbesitz zu kommen, und jetzt liegt er am Boden und hat kaum noch Kraft, sich wieder aufzurichten. Es ist aber nicht so sehr die Energie, die ihm fehlt, sondern es ist die Frustration über diese seltsame Aussenseitermannschaft, die Ballowski lähmt. Er kann sich kaum noch bewegen und sitzt völlig erschöpft mitten auf dem Spielfeld, schweissgebadet. Der Schiedsrichter zählt, wie bei einem Boxkampf, bis zehn, zeigt Ballowski die rote Karte und verweist ihn vom Spielfeld.

  In diesem Moment wacht Ballowski auf. Es war alles nur ein Traum. Lange blieb er noch im Bett sitzen. Er beschloss, nach dem Ende der bevorstehenden Meisterschaft, seine Fussballkarriere aufzugeben.



 
 
Letzte Aktualisierung am 01.11.2010